B. kennt sicher auch die Apfelsorten im Bembel.
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B. kennt sicher auch die Apfelsorten im Bembel.

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Gehirn

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Es soll schon Texte gegeben haben, die auf 97,8 Prozent Zustimmung von Stammgast B. gestoßen sind.

Stammgast B. überrascht immer wieder mit breitem Wissen. Dem Hinweis, er habe wahrscheinlich etwa 100 Geburtstage auswendig im Kopf, dazu den genauen Gründungstag des Kaffeehauses, begegnet er mit der beiläufigen Bemerkung, das könne „ungefähr hinkommen“. Wer glaubt, ihm mit der Frage nach der Uhrzeit der ersten Mondlandung oder dem Wochentag des Beginns der Schlacht bei Issos eine Falle stellen zu können, wäre gut beraten, sich warm anzuziehen.

Stammgast B. kann außerdem sämtliche Apfelweinwirtschaften von Frankfurt am Main und Umgebung aufzählen, sortiert in absteigender Reihenfolge nach der von ihm geprüften Qualität des Getränks. Auch die wichtigsten Weinlagen und Rebsorten in den weniger bekannten Anbaugebieten der Vereinigten Staaten von Amerika sind ihm geläufig, was er überzeugend damit begründet, dass er „schließlich mal dagewesen“ sei. Von U-Bahn-Fahrplänen ganz zu schweigen.

Auf die Frage, ob bei ihm eine spezielle Inselbegabung festgestellt worden sei, antwortet B.: Nein, er habe vielmehr „Lust daran“, sich Dinge zu merken. Für Menschen, die ebenfalls Lust hätten, sich etwas zu merken, es aber dennoch nicht können, ist das eine etwas ernüchternde Botschaft. Etwa so, als hätte jemand Albert Einstein gefragt, wie er die Relativitätstheorie erfunden habe, und Einstein hätte geantwortet, er denke halt ganz gern ein bisschen nach.

Insgesamt ist Stammgast B. ein sehr umgänglicher und kurzweiliger Zeitgenosse. Als Leser der Frankfurter Rundschau sorgt er zudem für dringend benötigte Resonanz, indem er seine Übereinstimmung mit den Inhalten dieses oder jenes Artikels beziffert. Es soll schon Texte gegeben haben, die auf eine Quote von 97,8 Prozent gekommen sind.

Ein Gespräch mit Stammgast B. ist nicht nur lehrreich, sondern auch amüsant, denn sein Gedächtnis speichert natürlich auch Zitate, die er an passender Stelle zum Einsatz bringt. So wie jüngst auf die Frage, was er über diesen oder jenen Vorgang denke: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“

Das ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht strenger Väter, die den Kindern einst den Spruch „Erst denken, dann reden“ einbläuten. Es ist auch der Titel eines Buches, das die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen geschrieben hat. Darin werden übrigens laut Verlag noch ganz andere Fragen beantwortet: „Wie überlebt das Gehirn ein Arbeitsessen oder ein Paargespräch?“ Sehr gutes Thema, aber Stammgast B. befindet sich bereits im Ruhestand, im Gegensatz zu seinem Gehirn.

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