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Gedichte

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Von: Stephan Hebel

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Wieder wurde gegrillt. Und das Fleischwar einfach ein Gedicht.
Wieder wurde gegrillt. Und das Fleischwar einfach ein Gedicht. © Oeser

Von frohen Runden dank Gedichten und Männern, die viel versprechen und wenig können.

Wieder wurde gegrillt. Fast alle waren da, diesmal sei es ein richtiges Nachbarschaftsgrillen, sagte S. (Hinterhaus oben) und schweifte sofort ab: Nachbarschaftsgrillen bedeute keineswegs, die Nachbarschaft zu grillen, das besorge der Klimawandel schon ganz allein. Schließlich habe es auch nichts mit Kannibalismus zu tun gehabt, als seine Mutter vor Jahrzehnten einmal verkündet habe, heute gebe es zum Abendessen „Reste von Besuchern“.

Wegen Krankheit entschuldigt war leider der Nachbar H. (unten), aber die Nachbarn H. (oben) und H. (nebenan) nahmen sehr vergnügt teil. H. (nebenan) gab den Grillmeister, er machte das perfekt, ihr Fleisch, also das auf ihrem Teller, sei einfach ein Gedicht, sagte S. (Hinterhaus unten).

Kaum war das Wort „Gedicht“ gefallen, holte Nachbar H. (oben) tief Luft und setzte an: „Brahma, Schöpfer alles Lebens,/Saß und sann im Weltenmai,/Sann und grübelte vergebens,/Wie das Weib zu schaffen sei.“ Zu diesem Zeitpunkt ahnten die anderen Anwesenden noch nicht, dass weitere 23 Strophen folgen würden, die Nachbar H. (oben) komplett aus dem Gedächtnis rezitieren würde, perfekt in Rhythmus und Betonung, nur bei einer einzigen Zeile kurz unterbrochen, als er zwei im Gedächtnis fehlende Worte elegant durch „Ach, egal“ ersetzte.

Je länger H. sprach, desto reichhaltiger füllte sich das Schweigen der Anwesenden mit staunender Bewunderung. In der tiefen Ruhe, die den Vortrag begleitete, verschwanden für kurze Momente die Gedanken an den lauten Irrsinn unserer Gegenwart, die vorher selbst vom Scherzen und Lachen nicht ganz zu übertönen gewesen waren.

Eine genaue Inhaltsangabe des rezitierten Werkes, es stammt von dem in Frankfurt geborenen jüdischen Dichter Ludwig Fulda (1862–1939), würde an dieser Stelle dem Zauber des Moments nicht gerecht. Klar, Fulda hatte einen etwas binären Geschlechterbegriff, wie wir heute gern sagen, aber der Rat des Gottes Brahma, als sich der Mann über das gerade erschaffene „plappernde“ Weib beschwert, ließe sich auf weniger prekären Themenfeldern durchaus noch gebrauchen: „Lern’s so gut es geht ertragen,/ Was du nicht entbehren kannst.“

Als Nachbar H. (oben) geendet hatte, gab es erst Applaus und dann Nachtisch. Weil alle eigentlich schon satt waren, trug Nachbar H. (nebenan) noch Erich Kästners „Die Sache mit den Klößen“ vor, Sie wissen schon, der „Renommist“, der sich fast zu Tode frisst. „Der Peter war ein Renommist./ Ihr wisst vielleicht nicht, was das ist./ Ein Renommist, das ist ein Mann,/ der viel verspricht und wenig kann.“ Mit den Nachbarn H. und H. ist es genau umgekehrt, danke!

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