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Garten

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Von: Stephan Hebel

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Ein Besuch im Biergarten kann einen auch mal von einer besseren Welt träumen lassen.
Ein Besuch im Biergarten kann einen auch mal von einer besseren Welt träumen lassen. (Symbolfoto) © Imago

Wie ein selbstgepflanztes Bäumchen und eine Speisekarte im Biergarten von einer besseren Welt träumen lassen.

Kollege S. erzählte stolz, er habe ein Loch gegraben. Nicht nur einfach so, sondern um ein Bäumchen hineinzupflanzen. Nun stehe es im Garten, das Bäumchen, vor sich hin grünend und nicht ahnend, dass er, S., dann doch wieder an den alten Spruch habe denken müssen, der Martin Luther zugeschrieben werde: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Nun habe er, S., zwar nur eine Weide zur Hand gehabt, nicht mal eine Trauerweide, wie es heutzutage angemessen wäre, aber als es so dagestanden habe, das Bäumchen, da habe er einen quasi Luther’schen Trotz gespürt und die Hoffnung, dass wenigstens die Weide auch nach dem nächsten Weltuntergang noch grün und kräftiger denn je dem Wahnsinn der Menschheit trotzen werde.

Im Internet, dozierte S. ununterbrechbar weiter, sei er ein wenig den Spuren des Apfelbaum-Sprüchleins nachgegangen und zuerst auf diese Benachrichtigung eines Beerdigungsinstituts gestoßen. Dort sei nicht ohne Stolz angekündigt worden, auf dem Waldfriedhof von Altenböddeken ein Apfelbäumchen der Sorte „Paderborner Seidenhemdchen“ zu pflanzen, in Zusammenarbeit mit der örtlichen Kirchengemeinde und einem Beschluss der Synode des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn folgend. Das sei fast fünf Jahre her und tue auch nichts zur Sache. Allerdings habe das Bestattungsinstitut den Namen Sauerbier getragen, und es sei doch ein feiner Zufall, dass er, S., am selben Abend in einem der schönsten Biergärten Frankfurts verabredet gewesen sei.

Diese Tatsache nun gab dem Kollegen die Gelegenheit, seinen Vortrag weiter zu verlängern. Unter den alten Bäumen des Biergartens, umgeben von wenig ermutigenden Wortfetzen („Donezk“, „Krim“, „Luftabwehrraketen“), habe er wieder an seine Weide denken müssen. Und die Lektüre der Speisekarte habe ihn gedanklich in eine andere, bessere Welt versetzt. Nicht nur weil der Wirt – entgegen seiner Natur, er kenne ihn, sagte S. – dem Vegetarischen viel Platz einräume. Sondern vor allem wegen des Satzes „Ein Schwein besteht nicht nur aus Schnitzeln, und geschlachtet wird, wenn es an der Zeit ist – und nicht, wenn wir Lust auf Schnitzel haben.“

Glückliche Schweine, artgerecht gehalten, bis es „an der Zeit“ sei, umgeben von frisch gepflanzten Apfelbäumchen, so habe er geträumt, schwärmte S. Aber dann sei seine Verabredung erschienen, das Gespräch habe sich der Gegenwart zugewandt und von Idylle sei nur wenig noch zu spüren gewesen. „Die Schnitzel waren aus, aber daran lag es nicht.“

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