1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Garderobe

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Für den Garderobenmitarbeiter Herrn Harald bieten die Theatergängerinnen und Theatergänger die Vorstellung.
Für den Garderobenmitarbeiter Herrn Harald bieten die Theatergängerinnen und Theatergänger die Vorstellung. © Steinach/Imago

Denken Sie im Theater nicht, sie seien nicht auf dem Präsentierteller: Spätestens, wenn Sie Ihre Garderobe abholen. Die Kolumne „Times mager“.

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern der FR vom 21. September ist nicht entgangen, dass das Times mager einem Mann namens Herrn Harald äußerst wohlwollend gegenübersteht. Herr Harald ist die Hauptperson in Dagmar Leupolds Roman „Dagegen die Elefanten!“ und arbeitet an der Garderobe eines Opernhauses. Herr Harald kommt sich keineswegs wie eine Hauptperson vor. Wenn er es sich gut gehen lassen will, trinkt er eine Cola. „So möchte man leben.“

Aber nicht um sein interessantes Privatleben soll es hier gehen, sondern um seinen Beruf, um den man sich einen langen Sommer über wieder kaum kümmern musste. Auch dann sind die Theatergarderoben selbstverständlich geöffnet und sogar in besonders festlicher Stimmung, bereit Zylinder und Pelzstolen (hiermit meinen wir ausschließlich Kunstpelzstolen) in Empfang zu nehmen, aber seit es im Sommer nicht mehr regnet, geht es dort gemächlich zu. Der Herbst aber hat die Garderobe wieder zu einem Zentrum des Geschehens gemacht. Menschen wie Herr Harald mittendrin. Hören wir rein. „Er liebt den Unterschied zwischen den ruhigen Stunden, wenn im großen Kessel des Opernhauses Schicksale ausgesungen werden, und den geschäftigen, wenn alle Besucher, leicht erhitzt, einen dünnen Schweißfilm auf Stirn und Schläfen, noch halb in der gerade bezeugten und überwundenen Intrige oder dem gelösten Liebesknoten gefangen steckend, nach ihrem Eigentum verlangen, die Nummernschildchen mal sanft, mal herrisch auf der zerschürften Glasfläche der Theke deponieren und gegen andere Anwärter verteidigen, indem sie sie möglichst unauffällig, gleichwohl auffordernd, in seine Richtung schieben. Wie ein Anrecht, sie haben schließlich viel mitgemacht.“ Herr Harald, muss man dazusagen, ist ein hochkompetenter Garderobenmitarbeiter, seine Schlange, darauf macht Leupold mehrfach aufmerksam, und er registriert es mit professioneller Befriedigung, verkürzt sich stets am schnellsten. Was voraussetzt, dass es eine Schlange gibt und keinen Knäuel.

Denn die Soziologie der Theatergarderobe ist komplex. Ungeduld und ein Mindestmaß an Kultur wollen in einen Ausgleich gebracht werden, und das ist ein kurzer Satz für eine große Sache. In fremden Häusern gilt es zudem auf die Üblichkeiten zu schauen: Schlange oder Knäuel oder Schlangen oder Knäuele? Wo räumen Profis ab, wo rennen Lehrkräfte hilflos hin und her? Denn auch auf der anderen Seite der Schranke kann es wild zugehen. Bisher dachte unsereiner, da könne man in Ruhe zuschauen, unbeobachtet sozusagen. Durch Herrn Harald wissen Theatergängerinnen und Theatergänger, dass sie selbst es sind, die sich auf dem Präsentierteller befinden.

Auch interessant

Kommentare