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Garderobe

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Von: Judith von Sternburg

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Draußen ist es menschenleer, drinnen hocken sie dicht an dicht.
Draußen ist es menschenleer, drinnen hocken sie dicht an dicht. © Daniel Karmann

Wenigstens ein Stückchen Stoff will man in Bayreuth zwischen sich haben: Von den engsten Sitzplätzen der Welt.

Als ob es nichts Wichtigeres gäbe, sind sie da wieder, die Diskussionen über die angemessene Festspielgarderobe. Leserin L. aus M. kann gar nicht darüber lächeln, dass Lars Eidinger in kurzen Hosen zur Opernpremiere in Salzburg erschien (vgl. Times mager vom 29. Juli), vielmehr erklärt sie uns: „Männer in kurzen Hosen sind eine Geschmacksverirrung und haben in einem Theater nichts zu suchen.“ Nun ja, das Wort Geschmacksverirrung bewahren wir uns lieber noch einen Moment auf, es ist ein großes Wort. Klar ist aber, dass Männer in kurzen Hosen eine umstrittene Bevölkerungsgruppe darstellen, und das ist sonderbar genug in einer Gesellschaft, in der jeder möglichst tun und lassen soll, was er will. Zum Beispiel riesenhafte Autos fahren, egal was sonst noch los ist auf der Welt. Nun ruft D. gleich wieder, das seien doch dieselben wie die mit den kurzen Hosen. Aber das ist ein Vorurteil, von dem sich D. übrigens nicht abbringen lässt.

Zurück zu den Festspielen. In Bayreuth einen Kilt mit einem vermutlich echten Schotten darin gesehen, kurze Hosen aber nicht, der Grund mag Pietät sein, wahrscheinlicher ist aber, dass die Enge im Saal es nahelegt, wenigstens ein Stück Stoff zwischen sich und seine Nächsten zu bringen. Die Enge im Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses ist ein Spektakel für sich, eine Meditation dann auch, weil es nach dem alljährlichen ersten Schreck gilt, bis zu zwei Stunden 30 am Stück in völliger Bewegungslosigkeit zu verharren. Es ist so eng, dass man beim Zurechtrücken des – an der Garderobe zu leihenden, rettenden – Rückenkissens das Knie des Hintermannes tätschelt (äußerst peinlich, der Hintermann aber sehr verständnisvoll). Bei der leichtesten Bewegung des eigenen Knies – zum Beispiel durch Anheben der Ferse um einen halben Zentimeter – pikt dieses wiederum in den Rücken des Vordermanns. Die Rückenlehnen im Bayreuther Festspielhaus sind berüchtigt für ihre unselige Höhe.

Ein Kilt hat den Vorteil, dass man ihn nicht kritisieren kann (zum Beispiel als Geschmacksverirrung), ohne die schottische Identität infrage zu stellen, was eine Gemeinheit und Unterdrückung wäre. Ein Angestellter der Müllabfuhr im nordenglischen York hat von sich reden gemacht, weil er im Rahmen der britischen Hitzewelle zwar keine kurzen Hosen, aber einen Kilt aus stabilem und charakteristisch orangefarbenem Stoff tragen darf.

Spiegelungen im Bühnenbild zeigen im aktuellen „Ring“ gelegentlich kurz den Dirigenten Cornelius Meister im verdeckten Orchestergraben. Das Bild ist unscharf, aber er trägt ein T-Shirt und tut recht daran. Beim Verbeugen ist er ein aus dem Ei gepellter Kapellmeister, eigentlich der schönste Kapellmeister, den wir je gesehen haben.

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