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Aristoteles (r.) und Homer (in Büstenform): Tugend vs. Tüchtigkeit, Nachdenklichkeit vs. Tatendurst.

Times mager

Ganz bei sich

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Wer die Netflix-Nacht zum Troja-Ereignis macht, kommt da nicht so schnell wieder raus.

Das Abenteuer macht die Abende zur Nacht, unsere auch, und die Nacht zu Nächten, denn wer kommt schon los von den großen Geschichten und alten Erzählungen, den Heldengesängen – wir nicht! Sie? Man wird regelrecht schwach.

Wie oft also schon in Troja gewesen, in der Stadt, hinter den Mauern, oder vor ihnen, dann am Strand, unter den Griechen. War das bei ihnen laut, denn so waren sie. Bekanntlich lag das am Waffenlärm, dazu dieses Geschrei. Denn wer schrie, hatte recht. Und für den, der zuschlug, galt das auch. Klare Verhältnisse. So agierten die Griechen, so agieren sie vor der Kamera, so werden sie von Regisseuren dirigiert, so steht es in Troja-Drehbüchern. Nur zwischen diesen Buchdeckeln?

Wenn man bedenkt, dass es keine Geschichte der Anfänge der Philosophie gibt, die das Aufkommen des Denkens nicht aus dem Aufkommen einer neuen, einer anderen Nachdenklichkeit erklärt, der langsamen, der schleppenden, auch zähen Ergründung der Welt durch logisch herbeigeführte Erklärungen anstelle der mythischen Erzählungen des Homer, dann ist das ganz und gar erstaunlich. Und am wenigsten selbstverständlich. Denn wenn es den ersten Philosophen des 6. Jahrhunderts um die Tugend ging, dann den Helden, von denen die Erzählungen Homers nur wenige Jahrzehnte zuvor berichteten, um Tüchtigkeit. Wenn die Philosophen der ersten Stunde Nachdenklichkeit ins Feld führten, dann Homers Heroen Tatendurst, denn dafür war das Schlachtfeld da. So in den Gesängen des Homer, so in den Drehbüchern, denn kein Drehbuchautor, der nicht sagte: Ich bin da komplett bei Ihnen – und gemeint ist damit natürlich der Alte.

Man mag dieses Bekenntnis zur Gemeinsamkeit und intimen Vertrautheit für ein wenig eifrig halten – aber tatsächlich lebte ja die griechische Welt des Homer, die eine archaische war, von Übertreibungen. Es strotzte nur so vor Übertreibungen, weil diese zu den Pflichten der Helden gehörte, wie man aus der Kulturgeschichte weiß. Und so sind so gut wie alle Figuren Helden in einer Übertreibungskultur, wie man heute noch lesen kann, so dass es auch nicht weiter verwundert, wenn man es auch so zu sehen bekommt in langen Episoden, während man die Netflix-Nacht zum Troja-Ereignis macht, ruhelos, wer nicht? Man kann gar nicht aufhören, denn man ist schwach.

So also sind wir ganz bei ihnen, den Alten, denn übertreiben, vor Trojas Mauer, auf der Lauer, möchte der Zuschauer auch mal. So ist er komplett bei sich, am Strand, außer Rand und Band. Der Abonnent praktisch ein Krieger und zur Nacht ein Sieger. „Denn vereinigte Kräfte sind selbst bei Schwachen noch wirksam.“

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