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Ganz gern

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Von: Stephan Hebel

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"Ich hätte gern eine schmale Sünde", sagte das gut erzogene Kind.
"Ich hätte gern eine schmale Sünde", sagte das gut erzogene Kind. © imago

Also sozusagen nur ziemlich gern? Sollte man einen mit so wenig Überzeugung geäußerten Wunsch erfüllen?

Es begab sich aber vor langer Zeit, dass die Mutter das Kind zum „Kaufladen“ schickte. Das Kind fand es schon damals seltsam, dass der „Kaufladen“ nicht einfach „Laden“ hieß, denn das Kind kannte keinen anderen Laden als den zum Kaufen, mal abgesehen vom „Hosenladen“ (auch: „-latz“ oder „-stall“), aber den hätte man sowieso nie und nimmer nur „Laden“ genannt.

Beim Kaufladen gab es alles, und die Mutter schrieb dem Kind einen Zettel, auf dem stand zum Beispiel „1 schmale runde Dauerwurst“, später dann, mit wachsender Routine, „1 schmale runde“. Leider enthielt die Handschrift der Mutter noch Elemente von „Sütterlin“, der Schreibweise, die sie in der Schule gelernt hatte. Also trug das „u“ ein Häkchen, und das „r“ war auch irgendwie anders, so dass das Kind im Kaufladen einmal lauthals vorlas: „Eine schmale Sünde“.

In der Familie trug die Dauerwurst fortan diesen Namen, und das versah die Sünde, sonst eher zur Abschreckung erwähnt, wenigstens beim Essen mit einem angenehmen Geschmack.

Nein, das Kind las nicht einfach vor „Eine schmale Sünde“, sondern es sagte: „Ich hätte gern eine schmale Sünde“, denn das Kind war in Sachen Kaufladen gut erzogen und hätte ohne „Ich hätte gern“ nicht einen einzigen Wunsch an den Kaufladenbesitzer heranzutragen gewagt.

Dennoch ahnte das Kind noch nicht, welch großartige Qualität die bis heute gültige Regel besitzt, dass man Waren im Konjunktiv, ja im Irrealis anfordert. Wer „Ich hätte gern“ sagt, drückt einen Wunsch aus, an dessen Erfüllung er kaum zu glauben wagt, und gibt damit zugleich der Glückseligkeit Ausdruck, die ihn erfüllen wird, wenn der so geehrte Kaufladenbesitzer (heute: Wursttheken-Angestellte oder Backwaren-Fachkraft) dem Wunsch wider Erwarten nachkommt.

Etwas enttäuschend erscheint es allerdings, dass sich seit einigen Jahren eine Variante eingeschlichen hat, vor allem bei jüngeren Menschen im Zentralbank-Beamten-Outfit: „Ich hätte ganz gern ein Baguette“ oder „Ich hätte ganz gern einen koffeinfreien Cappuccino laktosefrei to go“, ist an der Kaffeehaus-Theke immer häufiger zu hören.

Ganz gern“? Also sozusagen nur ziemlich gern? Der Kaufladen- oder Kaffeehaus-Besitzer sollte genau überlegen, ob er einen solchen, mit wenig Überzeugung geäußerten Wunsch erfüllt. Sein Gefühl, den Kunden/die Kundin glücklich zu machen, wird jedenfalls künftig ausbleiben, wenn das so weitergeht, und das ist für den Kaufladen bzw. das Kaffeehaus nicht gut. Und die Liebeserklärungen dieser Kundinnen/Kunden („Ich hab Dich ganz gern“) will auch niemand hören.

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