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Empfang des Nationalteams vor dem Frankfurter Römer nach der WM 1986.

Times mager

Fußball-WM 1986 in Mexiko: Wie es ist, wenn man in Erinnerungen schwelgt

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Aus der Feder des legendären Trainers Dettmar Cramer übergegangen: „Der springende Punkt in unserem Spiel ist der Ball. Um ihn dreht und bewegt sich alles ...“.

Das Buch war nicht ganz neu, so um die 33 Jahre, aber der Kollege S. konnte sich vor Freude kaum halten, als er es aus liebenswürdigster Hand überreicht bekam. Die Sportredaktion hatte ausgemistet, das Werk stand an der Wand des Redaktionsflurs, dem Vergessen schon geweiht, bevor es erst erblickt, dann überreicht und dann vom Kollegen S. begierig durchgeblättert wurde.

An Arbeit war von da an kaum noch zu denken, denn der Kollege S. hat eine Neigung zum Vorlesen, wenn ihm etwas gefällt, und der Titel „Harry Valerien: Fußball-WM ’86 Mexiko“ gefiel ihm.

„Beckenbauer, der Teamchef, steht gegen den Pfosten gelehnt, der das Dach stützt, unter welchem die Reservisten die Fäuste ballen vor Erregung“ (Halbfinale Deutschland – Frankreich 2:0, Guadalajara). Ich war dabei! Kollege S. wurde laut, ich habe es gesehen!, brüllte er schon fast, und die Jüngeren erstarrten, wie gewünscht, in Ehrfurcht vor dem Alter, nur einer murmelte: „Aber gekickt haben die auch?“

Schön war sie, die Zeit des unverkrampften Umgangs mit Tabletten und Injektionen

Kollege S. war längst zur Verlesung der Gesamtbilanz aus der Feder des legendären Trainers Dettmar Cramer übergegangen: „Der springende Punkt in unserem Spiel ist der Ball. Um ihn dreht und bewegt sich alles ...“. Am schönsten taten das natürlich die Spieler, und zwar aus gutem Grund, wie Mannschaftsarzt Dr. Heinz Liesen im Buch erläuterte: „Die Spieler haben erfahren, dass ich ihnen mit Tabletten und Injektionen helfen konnte ...“. Ja, bemerkte Kollege S., schön war sie, die Zeit des unverkrampften Umgangs mit Tabletten und Injektionen.

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Das Viertelfinale gegen Mexiko in Monterrey, gab Kollege S. zu, habe er nur im Fernsehen verfolgt: 0:0 plus 4:1 im Elfmeterschießen, dank Toni Schumacher, „dem Verrückten im Tor, der in jeder freien Minute mit Hanteln seine Muskeln stählt“. Und, so nun wieder ein Jüngerer, mit Tabletten und Injektionen. Eine Reise nach Mexiko, fügte der Kollege S., den jungen Kollegen gezielt überhörend, mit nostalgisch belegter Stimme hinzu, sei damals auf jeden Fall noch zu empfehlen gewesen. Heute sei allerdings zu bedenken, dass die folgende Charakterisierung nicht mehr ganz vollständig sei, wegen Mafia und Mord und so: „Exotisches Ambiente und malerische Armut, beides hat Mexiko zu bieten. Beides macht Mexiko für reiselustige Europäer interessant. Wenn dann noch Fußball ... dazukommt, finden Auge und Gemüt genügend Anregung.“

Kollege S. möge doch noch ein bisschen von der Anmut der Armut erzählen, bat jemand, aber S. erwähnte lieber den Schokolade essenden Hund einer Trainergattin, dem (und der) er damals in Mexiko im Restaurant begegnet sei. Den Namen (der Trainergattin) wollte er nicht verraten.

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