Walter Benjamin weigerte sich beharrlich, eine Schreibmaschine anzuschaffen.
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Walter Benjamin weigerte sich beharrlich, eine Schreibmaschine anzuschaffen.

Times mager

Füllfederhalter

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Der Schreibende Walter Benjamin weigerte sich beharrlich sein Schreiben auf Schreibmaschine umzustellen. Er wusste das mit der Erlesenheit seines Schreibgeräts zu begründen.

Walter Benjamin vermochte es wie nicht viele Autoren, Dingen Bedeutung beizumessen, selbst solchen Sachen, die alles andere als bedeutend schienen bis zu dem Moment, als Benjamin sie sich vornahm, unter ihnen mit Vorliebe sehr unscheinbare Gegenstände, Alltagsgegenstände. Unter denen wiederum wandte er sich einem Utensil zu, von dem er nicht ablassen konnte, dem Füllfederhalter, seinem Schreibgerät.

Damit verrät man vielleicht kein Geheimnis, nicht einmal eine Neuigkeit in dem an Geheimnissen reichen Leben Walter Benjamins, worüber Howard Eiland und Michael W. Jennings in ihrer soeben erschienenen, in ihrer äußerst findigen wie monumentalen, 1021 Seiten umfassenden Benjamin-Biografie erzählen. Also auch darüber, dass sich Walter Benjamin beharrlich weigerte, eine Schreibmaschine anzuschaffen.

Benjamin-Kennern, und es gibt wohl mehr als 1021, muss man mit dieser Anekdote nicht kommen, so dass sie sie (die Seite 375) überfliegen können. War es doch bekanntlich Siegfried Kracauer, der Benjamin dringend eine Schreibmaschine empfahl – nicht nur als Freund, sondern, so muss man ergänzen, als Redakteur, der die Manuskripte seines freien Mitarbeiters entgegennahm. Kracauer hatte ein Anliegen, eines, das Benjamin allerdings zurückwies. „Ich sehe daraus gleichzeitig, daß Sie in den Besitz einer solchen geraten sind und daß ich recht daran tue, noch immer keine zu haben.“

Das war höflich gesagt, mehr auf diese Weise denn von Freund zu Freund. Zur bürgerlich-gesitteten Briefkultur gehörte die Unaufdringlichkeit wie ein Wasserzeichen, worauf heutiger E-Mailverkehr verzichtet. Zudem hatte man offenbar auch noch Zeit. Benjamin hatte sie für die Geschichte, dass ihm soeben erst der Füllfederhalter in einem Getümmel abhanden gekommen sei, so dass ihm also ein Missgeschick zugestoßen sei – gar ein Unglück? Natürlich konnte der Empfänger zwischen den handschriftlichen Zeilen lesen, mit denen Benjamin skizzierte, wie er im „dichtesten pariser Straßentreiben“ einen neuen „stylo“ an einem Stand erwarb. Und Benjamin fuhr fort: „Dort fand ich gegenwärtiges liebreizendes Geschöpf, mit dem ich allen meinen Träumen genügen kann und eine Produktivität entfalte, die mir in Zeiten der verflossenen – Feder – unmöglich gewesen wäre.“

Dem Schreibenden flossen seine Gedanken in die Feder und aus dieser wiederum heraus, notwendigerweise. Oder doch nicht so ohne weiteres? Wenn es darum ging, den Akt des Schreibens selbst zu thematisieren, war dem sehr progressiven Kopf der Füller ein sehr konservativer Katalysator. Das lassen wir vielleicht erst einmal sacken – mehr dazu schon demnächst, hier.

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