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Führer

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Von: Judith von Sternburg

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 Klaus Florian Vogt in „Lohengrin“, hier im Jahr 2019.
Klaus Florian Vogt in „Lohengrin“, hier im Jahr 2019. © Enrico Nawrath/dpa

Hinter der etwas irren Bayreuther „Führer“-Debatte zeigt sich ein Machtkampf. Anders ist das jedenfalls nicht zu erklären. Die Kolumne „Times mager“.

Die im Kern läppische „Führer“-Affäre stand schon am Anfang der diesjährigen Bayreuther Festspiele, nun gab es einen vielsagenden Schlusszipfel.

Dass der Tenor Klaus Florian Vogt bei der Generalprobe des „Lohengrin“ den Satz „Seht da den Herzog von Brabant, zum Führer sei er euch ernannt“ sang, erregte bereits Anstoß bei einem Zuschauer, der sich auch an die lokale Presse wandte. Ja, es steht so im Text, wird aber gelegentlich durch „Schützer“ ersetzt, weil es sich in einer Oper, in der es von „Heil“-Rufen wimmelt, schlecht ausnimmt. Erst recht in Bayreuth, so Festspielleiterin Katharina Wagner, die Vogt bat, künftig „Schützer“ zu singen, und wir hätten gedacht: Nur ein Idiot könnte ihr widersprechen, von der Sache hören wir nie wieder.

Zumal das sonst kein Thema ist. Man starrt zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends den Schwan an (oder das, was die Regie sich stattdessen ausgedacht hat), freut sich über das Kind, das jetzt auf die Bühne geschickt wird (eventuell), man hat sich während der Gralserzählung in den Tenor verknallt oder denkt über den Tod oder König Charles III. nach, und ob es nicht König Karl III. heißen müsste. Normalerweise versteht man auch kein Wort, und in Bayreuth gibt es keine Übertitel. Man hört ein ü und fühlt sich daheim und im Einklang mit dem betrüblichen Geschehen. Der Vogt allerdings, der artikuliert messerscharf.

Nun der Schlusszipfel: Erst gab Georg von Waldenfels, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Festspiele, der dpa ein Interview, in dem er sagte, in Bayreuth müsste es „eigentlich viel mehr um die Musik gehen als um die Regie“. Er lobt den Dirigenten Christian Thielemann, der vor Ort einige Zeit lang „Musikdirektor“ mit eigenem Parkplatz war, in den nächsten Jahren von Wagner allerdings nicht eingeplant ist. Waldenfels hingegen: Man müsse ihn „unbedingt langfristig“ an den Grünen Hügel binden. Eine Unverschämtheit gegen die Wagners, gegen Katharina, die Regisseurin und Chefin, gegen Richard, der absolut nicht die Meinung vertreten hätte, dass es „eigentlich viel mehr um die Musik gehen“ müsste „als um die Regie“. Da es undenkbar ist, dass Waldenfels, der ein bayerisches Abitur hat, eine astreine CSU-Karriere vorweisen kann und nicht nur Präsident des Bayerischen und des Deutschen Tennis-Verbands war, sondern auch der international wichtigen Gesellschaft der Freunde von Bayreuth vorsitzt, nicht weiß, was ein Gesamtkunstwerk ist, muss man davon ausgehen, dass er in böser Absicht solchen Unfug sprach.

Der gelobte Thielemann gab derweil seinerseits der „Welt“ ein Interview, in dem er das, äh, „Führer“-Verbot beklagte. „Entschuldigung, aber wo kommen wir denn da hin? Dann kann man auch gleich viel mehr ändern, der ganze ,Lohengrin‘ ist ja voll von solchen Stellen ... .“ Nun, das hat jetzt er gesagt. Um nachzuschieben: „Dann darf man auch ,Tosca‘ nicht mehr spielen, mit der versuchten Vergewaltigung, dem Mord und so weiter.“ Hier blenden wir mal leicht verdattert aus.

Die Richtung ist deutlich. Es läuft auf einen Machtkampf hinaus, der angesichts von Katharina Wagners 2025 auslaufendem Vertrag nicht so abwegig ist wie die hier vorgebrachten Positionen.

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