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Frühjahrsputz

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Von: Sylvia Staude

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Ein Bergfink, noch auf der Suche nach einem Artgenossen zum gemeinsamen, nun ja, vögeln.
Ein Bergfink, noch auf der Suche nach einem Artgenossen zum gemeinsamen, nun ja, vögeln. © imago

Von Bergfinken, die finken, äh, vögeln, und Einkaufslisten als Fürbitten.

Am Rande des Winters ist man noch allein. Auf den Wegen, auf denen bald Touristen und Eigentümer von im wahrsten Sinn des Worts stein-alten Ferienhäusern – hier Rustico genannt – ferienhaft bummeln oder entschlossen voranschreiten werden, ist das zähe Gras, ist der knirschende Firn noch unbegangen. Oder war es bis eben. Oder war es jedenfalls von Lebewesen in Stiefeln. Denn durchaus sind da und dort anmutige Hufabdrücke zu sehen – Reh oder Gemse? –, auch gleichmäßig gesetzte, nicht bedrohlich große Tatzen. Dies vom Menschen aus betrachtet und nicht zum Beispiel von den beiden Vögeln (Bergfinken, vermutet die Laiin), die zwischen Stämmen und Sonnenflecken trippeln, hüpfen und, nun ja, tatsächlich auch vögeln.

Wo Winterstürme Blätter zusammengeweht haben, in Hohlwegen, Mulden, zwischen niedrigen Steinmäuerchen, versinkt der Schuh komplett, zieht man eine Spur des Raschelns wie eine Riesenmaus. Fast nirgendwo antwortet einem zierliches Eidechsenrascheln und -huschen. Der März war so kalt wie lange nicht mehr; so dass es für diverse Bewohner von Felsnischen und Erdhöhlen wohl erst noch gilt, tüchtig zu gähnen und die krummen Glieder zu strecken (wie auch immer das eine Eidechse macht. Vergangenen Sommer hat man aber erstmals beobachtet, wie artig sie aus Wasserpfützchen schlabbern, eigentlich wie ein Hund.)

Überbleibsel der letzten (Menschen-)Saison tauchen dort auf, wo der Schnee geschmolzen ist, sie sind glücklicherweise spärlich: Papiertaschentücher vor allem, ramponiert, aber im Kern unzerstört, eine Müsliriegelhülle, silberblinkend, ein Werbeflyer für ein Jazzkonzert, September 2017, und eine Kappe, wie sie Mountainbiker gern tragen.

Auch am Rande des Winters aber ist man auf den alten Wegen dieser Gegend nie ganz unbegleitet. In einem der zu Mahnung, vielleicht Ermunterung erbauten Bildstöcke liegt das Kind zufrieden lächelnd auf Marias Bauch, sie blickt es ebenfalls lächelnd an. Im anderen Marterl zeigen sich Mutter und Kind ernst und königlich, mit prächtiger Krone. Auf dem nächsten Bild verzieht die Jungfrau andeutungsweise, hintersinnig den Mund, eine unbekannt gebliebene Mona Lisa. Und scheint das Kind, segnend und den Mund halb offen, etwas zur Wanderin sagen zu wollen. Eine kleine Strecke weiter schaut das Kind, ein artig bubikopf-frisiertes, auf einen Vogel auf der Hand seiner Mutter. Es könnte ein Bergfink sein.

Das Kind schaut aber auch auf einen Stein, drunter klemmt ein Zettel, sicher eine Fürbitte. Doch man liest: „Bad Reiniger (grün)“, „Abwaschmittel“, „Zahnbursteli“ und „Gartenschäre“. Es muss daran liegen, dass es trotz allem Zeit für einen Frühjahrsputz wird.

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