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Früher, als es das Mammut noch gab, war alles besser. Oder?

Times mager

Früher

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Diese Haltung, früher sei alles besser gewesen, überdauert die Äonen. Sie hat aber je nach Alter des Sprechers einen eigenen Dreh.

In der berüchtigten Wendung, dass früher alles besser gewesen sei, kommt eine allgegenwärtige Grundhaltung zum Ausdruck. Es ist anzunehmen, dass die erste grillende Generation sich anhören musste, dass nur moderne Schwächlinge ihr Mammut nicht roh katschen. Oder dass den Erfindern des Faustkeils seinerzeit vorgehalten wurde, mit unbehauenem Gerät sei die Arbeit spontaner und weniger fremdbestimmt gewesen.

Diese Haltung, dem Fortschrittsstreben scharf entgegengesetzt und darum von vornherein zu einer gewissen Läppischkeit verurteilt, überdauert also die Äonen. Sie hat aber je nach Alter des Sprechers (und, machen wir uns nichts vor: Klägers) einen eigenen Dreh. In den siebziger Jahren klang es besonders übel, weil das, was besser gewesen war, meist die Nazi-Zeit meinte (aber natürlich nur die Haarschnitte, die Mädchenkleidung und das gute Benehmen von Kindern) und bestenfalls die Adenauerjahre (vor allem die Haarschnitte, die Mädchenkleidung und das gute Benehmen von Kindern). Man war empört und wäre im Bus nun gerne sitzen geblieben, wenn man nicht so gut erzogen gewesen wäre.

In den achtziger, neunziger Jahren verschob sich das zunehmend, jetzt konnten durchaus die 68er gemeint sein. Es ging nicht mehr darum, im Bus aufzustehen (eine Sache für Spießer), sondern zum Beispiel um das Ausdiskutieren von Problemen, das früher viel engagierter verlaufen sei. Das sind so die Momente, in denen man im Leben nichts mehr ausdiskutieren möchte. Obwohl am laufenden Band Dinge ausdiskutiert werden, macht die Verwendung des dazugehörigen Begriffs heute daraus sofort eine Komödiensituation. Herr W., der Lehrer, der uns traumatisierte, weil er in der elften Klasse von uns verlangte, ihn zu duzen, hätte dann aber gesagt: Über so was haben wir früher nicht gelacht, wir wussten noch um den Wert einer Diskussionskultur. Das ist ein fiktives Zitat, aber kein unrealistisches, was Herrn W. betrifft (grammatikalisch ist es vielleicht doch etwas unrealistisch). Besonders schlimm trifft es die heutige Jugend, die sich vorhalten lassen muss, unpolitisch, hedonistisch, naiv, gesellschaftlich konservativ, ungebildet und verwöhnt zu sein, außerdem nicht richtig lesen und schreiben (und eigentlich auch sprechen) zu können sowie an verformten Daumen zu laborieren. Aber ist da nicht einiges dran? Sie sehen, das Individuum kommt nicht raus aus dieser Geschichte, es macht hemmungslos weiter und kann nicht einmal behaupten, nicht zu wissen, was es da redet.

Aber warum fällt uns das ausgerechnet jetzt ein? Weil der großartige, der fast perfekte Wagner-Tenor René Kollo am heutigen Montag seinen 80. Geburtstag feiert und bei fast jeder Gelegenheit erklärt, das heutige Operngeschehen sei „verdummt“, die Regie ahnungslos, Bayreuth angezählt etc. Dass er selbst mit seiner leichten, lyrischen Stimme, dem Gegenteil einer Röhre, einst gegen eine Phalanx wuchtiger Vorgänger ansang, geriet angesichts seines durchschlagendem Erfolges ganz aus dem Blick. Kollo, ein Stimmgenie und doch einer wie wir.

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