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Frischluft

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Von: Stephan Hebel

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Nicht jedem ist die Fahrt in dem Auto ohne Dach vergönnt.
Nicht jedem ist die Fahrt in dem Auto ohne Dach vergönnt. © Sebastian Gollnow/dpa

Die Meinungen darüber, was ein „fühlbarer“ Verlust ist, gehen recht weit auseinander. Hier ein interessantes Beispiel, in dessen Zentrum ein eingeparkter Porsche Cabrio steht.

Die Zeiten sind hart, und wer wüsste nicht, wie wichtig es für die innere Balance sein kann, für ein paar Stunden oder Tage der Tretmühle des Alltags zu entkommen, sich frischen Wind um die Ohren wehen und in idyllischer Umgebung die Seele baumeln zu lassen, und jetzt hören wir mit der Lebenshilferatgebersprache auch gleich wieder auf.

Wenn der Eindruck nicht trügt, gibt es Ratgeber bzw. Ratgeber:innen bzw. Ratgebende in Form von Internet- oder Buchseiten so ziemlich für alle Schichten unserer Gesellschaft, nicht aber für diejenigen, die gern bzw. ungern, aber häufig „die oberen zehntausend“ genannt werden, also den Leistungsträgern bzw. -tragenden, mit Porsche oder ohne. Sie müssen sogar ihre Erholung selbst gestalten.

Eine von ihnen, wohnhaft in Leipzig, klagte sich kürzlich bis in die höchste Instanz, weil sie im Sommer 2020 ihre viertägige Reise an den Gardasee nicht im eigenen Porsche Cabrio antreten konnte (frischer Wind!), sondern auf den glücklicherweise ebenfalls vorhandenen 3er-BMW ausweichen musste, weil die Porsche-Garage im Rahmen irgendeines Streits durch das Fahrzeug einer anderen Person blockiert war. Der BMW war kein Cabrio, und der dadurch entstandene Verlust an Lebensqualität, von der verhinderten Porsche-Reisenden auf lediglich 175 Euro pro Tag beziffert, liegt auf der Hand.

Leider wies der Bundesgerichtshof die Klage ab, es war ihm, kaum nachvollziehbar, der Verlust nicht „fühlbar“ genug. Und hier stellen sich dann doch einige Fragen.

Hatte die Frau für ihren BMW-Zweitwagen etwa keine Garage, oder war diese nur nicht umstritten und deshalb nicht blockiert? Hatte der blockierte Porsche womöglich einen Elektromotor, was ja aus der Reise an den Gardasee einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz gemacht hätte? Besitzt Christian Lindner für alle Fälle ebenfalls einen Zweitwagen? Trägt die Nicht-Porschefahrende gesundheitliche Schäden davon?

Jetzt werden Sie sagen, diese Überlegungen trügen einen gewissen Unterton von Sozialneid mit sich. Dies ist keineswegs der Fall, denn wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, wissen, erweist sich das Schicksal der Porschefahrenden aus Leipzig als nur etwas herausgehobenes Beispiel für das, was wir Mittelschichtler:innen praktisch Tag für Tag erleben müssen: Radfahrende, die unser Mittelschicht-Auto bremsen; Rasenmähende, die unsere eigene Gartenarbeit noch übertönen; Pakete, die uns mit einem Tag Verspätung erreichen.

Gründe über Gründe, uns als wahre Gebeutelte dieser Welt zu fühlen. Die Leute, die sich wünschen, solche Probleme zu haben, sind bekanntlich relativ weit weg.

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