Wie um alles in der Welt verabredete sich Goethe, als die Welt noch so federleicht war?
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Wie um alles in der Welt verabredete sich Goethe, als die Welt noch so federleicht war?

Times mager

@Freunde

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Wie, um alles, haben wir uns eigentlich früher verabredet? Und wer schreibt denn noch Briefe mit der Hand?

Die beiden alten Freunde treffen sich nur noch ein Mal im Jahr, ungefähr. Aktuell aber schon zwei Mal. Im Vergleichszeitraum. Weil’s im Sommer so schön war, als man zusammensaß, sagt der eine alte Freund zum anderen alten Freund: Komm, lass uns einen Winterabend einlegen. Und sie verabreden sich per Online-Kurznachricht.

„Eintreffe ca. 5-10 m später“, kurznachrichtet nun der eine alte Freund am Winterabend. Und ist dann doch nur ca. nullkommazwei Minuten zu spät da, weil er immer noch der pünktlichste alte Freund der Welt ist, wie eh und je, selbst wenn er sich verspätet. Wie haben wir das eigentlich früher gemacht?, fragt es auf einmal aus ihm heraus.

Als die Welt noch so federleicht war, als alles noch an seinem Platz war und nicht im Internet: Wie haben wir uns denn verabredet? Ziemlich verdattert sitzen die alten Freunde da. Mit dem Schnurtelefon, fällt dem einen ein. Man habe überdies die erste Generation Anrufbeantworter betrieben, unter Lebensgefahr habe man das Gerät mit dem Telefonkabel verknotet, durfte man das überhaupt?, und dann verabredete man sich also vermittels eines an der Wand festgebundenen Fernsprechapparats.

Dass man damals zur gleichen Zeit am gleichen Ort ankam: ein Wunder, ein reines Wunder. Oder Goethe! Wie, um alles, verabredete sich denn bitte Goethe?

Die alten Freunde wussten damals immer, was der andere gerade machte. Wo er freitags in der Uni saß. Wen er abends traf. Was die Probleme mit seiner momentanen Liebschaft waren. Wann er morgen Zeit für eine Peperonipizza beim „Ciao“ haben würde oder für ein Schafskäsebrötchen beim Türken. Was er über Kohl dachte. Sie hatten sich in der Stadt kennengelernt, bei einem Treffen auf einem Platz (stimmt ja: auf dem Goetheplatz!), als mindestens sieben Leute zusammenkamen, um den Abend miteinander zu verbringen, und alle waren pünktlich da, ohne dass ein Mensch auf der Welt etwas von Mobiltelefonen auch nur geahnt hätte.

Sie schütteln die Köpfe. Die beiden alten Freunde haben Tränen in den Augen, sie haben heute dieses Internet, das alles einfacher macht, das so viel Zeit spart, aber Zeit füreinander haben sie noch ein Mal im Jahr, und weil’s beim vorigen Treffen so schön war: zwei Mal. Ausnahmsweise.

Liebe Frau B. und lieber Herr H. aus HH, liebe Frau M. aus O. (die Bärchen!) und immer wieder liebe Frau O. aus N.: Danke für die allerwillkommenste Papierpost, die schneckige, die ohne E-Mailadresse zum Antworten daherkommt, die Bärchen sogar ohne Briefkastenadresse. Sie wissen noch, wie das ging, wie sich das anfühlte, wie es sich schrieb: als alles noch federleicht war.

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