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Konzentriert, versunken: Herbert Karajan dirigiert Beethovens Neunte.
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Konzentriert, versunken: Herbert Karajan dirigiert Beethovens Neunte.

Times mager

Freude

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Der junge Mann, der Dirigent werden wollte. Der alte Mann, der wenigstens „Freude...“ sang.

Es war einmal, muss die Geschichte beginnen, es war einmal ein junger Mann, der gern Dirigent geworden wäre. Aber als er aus dem Krieg kam, gab es kein Geld für gar nichts, schon gar nicht für eine Ausbildung in der Stadt. So wurde er Bergmann, denn als Bergmann bekam man Extrarationen, so gründete er eine Familie, war stets vernünftig und verantwortungsbewusst, baute eine Firma auf, baute ein Haus. In dem es bald auch einen Plattenspieler gab.

Dem Kind war jedes Geräusch daran vertraut. Das Knacken des Tonarms. Das Kratzen der letzten Rillen. Das Klicken, wenn sich der Arm wieder hob. Das Knistern von kleinen Kratzern in der Platte. Sprünge bei größeren Kratzern. Der erste Ton. Die Stille.

Dem Kind war auch das Sonntagsnachmittagsritual vertraut. Die Wahl einer Platte im Plattenschrank, wo sie standen, dicht an dicht. Das Auflegen der Platte. Das aufrecht Hinstellen, mitten im Wohnzimmer, die Arme erhoben. Dann dirigierte der inzwischen nicht mehr ganz junge Mann eine Weile, vielleicht, bis es ihm langweilig wurde, vielleicht, bis er glaubte, einen Fehler gemacht zu haben und sich ärgerte. Das Kind lümmelte indessen auf dem Sofa und warf nur sehr gelegentlich einen Blick auf den Vater über den Rand des Buches, das es gerade las. In einem gewissen Alter war es sicherlich ein Roman von Karl May. Und so ist es auch kein Wunder gewesen, dass das Kind fand, dass Winnetou ungefähr aussehen müsse wie Beethoven, mit wildem Haar, eindringlichem Blick, Grübchen im Kinn.

Von da an fand das Mädchen Beethoven ziemlich interessant. Wenn es in der „Bravo“ einen Beethoven-Starschnitt gegeben hätte, hätte sie ihn bestimmt direkt neben den von Pierre Brice gehängt. Es war plötzlich auch spannender, dem Vater beim Dirigieren zuzusehen, die Plattenhülle in der Hand, den Blick auf Beethoven mit dem Grübchen gerichtet. Es muss ein Weihnachtsfest gewesen sein, als die junge Frau eine Kassette mit acht Schallplatten auspackte, auf der in dicken goldenen Lettern, blitzenden Versalien stand: „Beethoven Symphonien Karajan“. Auf einem Bild hatte Karajan die Augen geschlossen, konzentriert, in Anbetung, den Dirigentenstab haltend in geballter Faust; versunken, das schien auch der jungen Frau die angemessene Art, Beethoven zu begegnen.

Viel später stimmte der alte Mann oft, wenn er gute Laune hatte, wenn er sich über egal was freute, aus voller Kehle „Freude, schöner Götterfunken“ an. Natürlich konnte er es fehlerfrei und komplett auswendig.

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