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Der Torre Reforma in Mexiko-Stadt hat zwei Seiten.

Wohnen

Frankfurt, mickrige Bleibe für Türme

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Lindern die Wohntürme von Frankfurt eigentlich die Wohnungsnot? Auch ein Festakt hat seine dunklen Seiten.

Beim Hochhaus hat sich die (alle?) Welt daran gewöhnt, dass es in aller (!) Regel seine zwei Seiten hat, eine Schauseite, die sich bei dem einen oder anderen Hochhaus gut macht, und eine andere Seite, die sich gar nicht gut macht. Kosten und Ökobilanz haben eine enorm dunkle Seite.

Unbedingt zwei Seiten hat auch der Torre Reforma in Mexiko-Stadt, doch dabei handelt es sich offensichtlich um zwei Fassadenseiten, so zu sehen in der Frankfurter Paulskirche auf zwei Leinwänden, auf denen der Turm im Rahmen des Festakts zum Internationalen Hochhauspreis präsentiert wurde. Zu seinen zwei Seiten, erläuterte Kai-Uwe Bergmann als Laudator auf den Architekten des Turms, den außergewöhnlich bescheiden auftretenden L. Benjamin Romano: Zu den zwei Seiten des Turms gehörten seine Massivität und seine Leichtigkeit.

Frankfurts Kulturdezernentin spricht über Wohntürme

Nun ja, auf den beiden Bildschirmen vor Augen geführt wurde eine imposante Erscheinung, ein 246 Meter hoher Obelisk im Stadtraum einer Megametropole. Abgebildet wurde er mit seiner Betonseite, er wurde hin- und hergewendet, so dass seine Glasfassade sichtbar wurde. Dargereicht auf die Entfernung von 9500 Kilometern wurde der Turm den Gästen in der Paulskirche als ein Hochhaus mit einer offenbar enorm positiven Ökobilanz.

Als Sieger auf dem Screen wurde der Torre Reforma zu einem Reformhochhaus schlechthin. Im Paulskirchenrund wurde das gerne geglaubt, denn es gab Applaus, und Beifall gab es nicht immer, wohl aber dafür, dass der Vertreter der Deka-Bank (der Stifterin des Preisgelds) versicherte, den Hochhauspreis werde es „ohne die Paulskirche nicht geben“. Er hat also nur hier seine Heimat. Zugleich musste sich das Publikum, eine hochverdichtete Versammlung von Architekten, Investoren, Bankern, damit abfinden, dass der Turmstandort Frankfurt fast eine mickrige Bleibe für Türme ist, gemessen an Toronto, London oder Singapur.

Dass es sich bei dem Reformturm um einen Büroturm handelt, griff Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig auf – um über Wohntürme zu sprechen. Ob sie in Frankfurt „die Wohnungsnot lindern“, fragte sie, um selbst die Antwort zu geben: „Wohl eher nicht.“ Ihre zwei Sätze für eine soziale und nicht allein kapitalgetriebene Wohnungspolitik in Frankfurt waren in der von Applaus getragenen Veranstaltung eine Randnotiz, auf die es keinerlei Resonanz gab. Keine Architektenhand, keine Investorenhand, die sich gerührt hätte, keine Bankerhand. So aber drängte sich (förmlich) auf, dass auch ein Festakt seine dunklen Seiten hat.

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