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Fortschritt

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Von: Christian Thomas

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Darf man in Zeiten des Terrors an den Fortschritt glauben?
Darf man in Zeiten des Terrors an den Fortschritt glauben? © dpa

Die Erklärung der Menschenrechte, 1789, war ein Versprechen, das sich auf die Gedanken der europäischen Aufklärung berief. Damit wurden die Ideen von einer Moderne in die Welt gesetzt.

Die Moderne hat eine post-tyrannische Zukunft nicht einläuten können. Man mag diese Moderne-Bilanz, heute, für seltsam halten. Aber sie ist keinesfalls absurd, wenn man sich erinnert, dass die Moderne eine solche Verheißung auf ihre Agenda nahm. Die Erklärung der Menschenrechte, 1789, war ein Versprechen, das sich auf die Gedanken der europäischen Aufklärung berief.

Damit wurden, wenn auch unter dem Diktat der Gewalt und Blutgerichtsbarkeit der Französischen Revolution, Ideen von einer Moderne in die Welt gesetzt, die auf demokratischen Prinzipien und säkularen Werten gründeten. Das sich anschließende 19. Jahrhundert war geprägt von einem (philosophisch fundierten) Glauben an eine Welt der Vernunft, die es für abwegig hielt, dass moderne (hochkomplexe) Gesellschaften auf vormoderne, auf despotische oder tyrannische Weise regiert werden könnten. Aber was abwegig schien, war nicht ausgeschlossen.

Es hat nicht erst das 20. Jahrhundert Despoten zurückkehren lassen. Sie ließen sich von einem radikal geschichtsphilosophischen Optimismus nun mal nicht wegsperren. Ebensowenig die Tyrannen mit Eskalationsprogrammen, wie sie die Welt zuvor nicht erfahren hatte. Gerade in der Frontstellung von Faschismus und Stalinismus wollte aber auch ein enthemmter Geist nicht abseits stehen, und so wurde der Totalitarismus gerechtfertigt, an der Seite des Nationalsozialismus etwa von Martin Heidegger oder Carl Schmitt als Überwindung der Zumutungen der Moderne. Und wenn ein Jean-Paul Sartre den stalinistischen Gulag geflissentlich übersah, dann stand ein Michel Foucault nicht zurück, als er 1978 zwar nicht mehr, wie ’68, die „diktatorische und sogar blutige Macht“ des „Krieg führenden Proletariats“ glorifizierte, aber doch die „politische Spiritualität“ der iranischen Revolution.

Die Hybris der Meisterdenker hat mit einem Abenteurertum zu tun, dessen politischer Kampfgeist gelegentlich spirituell-theologisch gefärbt war. Der hemmungslos denkende Geist leitete, wie säkular-modern auch immer, seine Tyrannenbewunderung nicht selten aus einem messianischen Furor ab. Der apokalyptische Gesinnungsüberschuss europäischer Intellektueller hat die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts rückwirkend in Verlegenheit gestürzt.

Immerhin darf man festhalten, dass der Tyrannei-Sympathisant alter Denker-Schulen seine Ehrerbietung im Jahr 2015 nicht dem IS hat zukommen lassen. So geht es mit der Frage ins neues Jahr: Darf man an einen historischen Fortschritt glauben?

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