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Fordernd

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Von: Stephan Hebel

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Symbolfoto Sparkasse DEU/Deutschland/Brandenburg/Cottbus, 17.03.2023, Symbolfoto Sparkasse, Logo der Sparkasse an der Ha
„Herausfordernd“ ist die Krise auch für die Sparkassen. © Imago

Das Leben ist „herausfordernd“ – das gilt auch für Journalist:innen.

Schon vor zwei Jahren, das Archiv verliert nichts, ist an dieser Stelle auf die herausragende Bedeutung des Wortes „herausfordernd“ hingewiesen worden. Die ist nun unter Hinzuziehung neuer Erkenntnisse eingehender zu erläutern.

Dazu soll ein Beispiel dienen, das die Vorzüge des Wortes „herausfordernd“ unwiderlegbar verdeutlicht und zugleich Einblicke in das Handwerk des Journalismus ermöglicht. Die Rede ist von einem Bericht der „Westfalenpost“ über die „Sparkasse Mitten im Sauerland“, der nicht nur durch vorbildliche kritische Distanz beeindruckt, sondern auch durch feine Formulierungskunst. Die kritische Distanz erweist sich nicht etwa darin, dass der Artikel grundlegende Unterschiede zu einem PR-Text aufwiese („... zeigte sich die Sparkasse erneut als starker und langfristig orientierter Finanzpartner“). Wie auch, wenn kaum noch Zeit ist, Pressemitteilungen umzuschreiben? Umso mehr Herzblut floss demgegenüber in den löblichen Anspruch, die Selbstdarstellung der Sparkasse an positiver Ausstrahlung noch zu übertreffen.

Sicher, der Titel lautete „Die Sparkasse Mitten im Sauerland meistert schwierige Zeiten“, aber das – so viel zum Handwerk – ist einzig der Tatsache geschuldet, dass das Wort „herausfordernd“ so schlecht in Überschriften passt. Und sicher, es blieb nichts anderes übrig, als den Vorstandvorsitzenden zu zitieren, der bemerkte, nach Corona sei sein Institut durch den Beginn des Ukraine-Kriegs „in eine noch schlimmere Krise“ gerutscht.

Aber nicht mit der „Westfalenpost“, nicht so! „Schwierig“ mag in der Überschrift stehen, „schlimm“ und „schlimmer“ mag der Vorstandvorsitzende die Dinge finden, aber („Westfalenpost“): „Die Sparkasse Mitten im Sauerland schließt das äußerst herausfordernde Geschäftsjahr 2022 zufriedenstellend ab und dokumentiert überzeugend die gelebte Partnerschaft zu ihren Privatkundinnen und -kunden sowie der heimischen Wirtschaft.“ Herausfordernd, ja! Merken Sie, wie viel weniger bedrohlich das Bedrohliche schon klingt?

Sie müssen die Sache mit der Herausforderung so verstehen: Früher, wenn Sie Boxweltmeister waren (nein, Frauenboxen war offiziell noch nicht), kam ein anderer daher und forderte Sie heraus. Dann kam es zum Kampf, fertig. Will heißen: Wenn die Zeiten „schwierig“ und die Krisen „schlimm“ wären, nähmen Sie das traurig zur Kenntnis und schauen, wie es besser wird. Heute sind Sie Weltmeister (oder -innen!), das Leben ist eine „Herausforderung“ und Sie steigen gegen die Zeiten oder die Krisen in den Ring. Keine Zeit für Schwäche, keine Zeit für Ruhe, durchboxen oder untergehen. Sogar im Sauerland.

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