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Wenn du unten am Ufer bist, weißt du nie, wo du hinfahren musst.

Times mager

Fluss

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Wer oben ist, hat den Überblick. Aber der hält nicht vor. Und über unsere Vergesslichkeit kichern leise die Mauereidechsen in ihren Schaukelstühlen. Die Feuilleton-Kolumne aus dem Winter-Urlaub.

In den Weinbergen. Im Winter. Bist du ganz schnell auf Höhe. Kaum bist du drei Schritte gegangen, schaust du hinab auf den Fluss, weit hinab. Was, schon so hoch sind wir? Nach kaum drei Schritten? Höher als das höchstgelegene Winzerhaus. So schnell.

Im Oktober noch gab es Mauereidechsen, die aus Spalten lugten und in den Schatten zischten, in ihre geheimen Kammern, schnell wie ein Mauereidechsenblitz, wenn der Mensch sich näherte. Gut zureden konntest du ihnen, so lange du wolltest, die Mauereidechsen gingen voll auf Sicherheit. Manchmal kraxelten aber welche runter bis auf die Fewoterrasse, wo die Sonne besonders herbstwarm gastierte, und taten, als wären sie Rebenzweige. Das waren aber die Hasardeure unter den Mauereidechsen. Und das war natürlich, als es noch warm war. Da lohnte sich das Hasardieren. Da gab es die Sonne als Belohnung.

Jetzt sind sie drinnen in ihren Wohnungen, tief im Gemäuer. Wir stellen sie uns vor, wie sie in ihren Schaukelstühlen sitzen und Mauereidechsenromane lesen, Mauereidechsenbrillen auf den Nasen, Mauereidechsenschals um die Hälse. Wie sie es sich gemütlich gemacht haben. Wie sie zueinander sagen: Bei der Kälte jagt man doch keine Mauereidechse vor die Tür. Wobei, nein, das sagen sie sicherlich nicht. Wer ist eigentlich der Hund der Mauereidechsen?

Hoch oben in den Weinbergen macht der Weg immer noch eine Biegung mehr, kannst du nie ahnen, wo es weitergeht. Hoffst du stets, du wärst schon knapp unterm Gipfel. Schwitzt du unvernünftigerweise, wo du doch weißt, gleich geht es wieder bergab oder jedenfalls irgendwann mal, hoffentlich, und dann frierst du wie ein Schneider, weil du auf dem Weg nach oben unvernünftigerweise geschwitzt hast. Bist du trotz allem fasziniert vom Blick.

Der Fluss, der dir Rätsel aufgibt, weil er sich windet wie eine Anakonda. Wenn du unten am Ufer bist, weißt du nie, wo du hinfahren musst, links oder rechts, um nach T. oder nach K. zu kommen, weil der Fluss alle naslang, alle entenschnabellang, wieder kehrtmacht. Wenn du oben stehst, auf dem Gipfel des Weinbergs, kannst du sehen, wie er seine Haken schlägt, der Fluss. Da hast du ihn enttarnt. Überführt hast du ihn. Wenn du oben stehst.

Und wenn du wieder unten angekommen bist, schlotternd, dann hast du’s wieder vergessen. Dann hat dich der Fluss wieder in die Tasche gesteckt. Die Enten lachen dich aus, die Mauereidechsen kichern in ihren Schaukelstühlen. Und im Oktober sehen sich alle wieder, aber allerspätestens.

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