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Viele Brauseflaschen. Ein Fiasco.

Times Mager

Verwechselbare Cherryplörre

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Die Cherryplörre tarnt sich hinterhältig - und feiert Jubiläum. 

Zum vierunddreißigsten Mal jährt sich heuer eines der schlimmsten Verbrechen gegen den guten Geschmack: der Beginn der industriellen Herstellung einer koffeinhaltigen Brause mit Kirscharoma. Dabei handelt es sich um kein Schweizer Jet-Set-Skigebiet, sondern um eine Cola, die nach künstlicher Kirsche schmeckt. Nichts gegen die bereits knapp hundert Jahre zuvor erfundene Industriebrause. Aber mit Kirschgeschmack? Uärg.

Es könnte der distinguierte Mensch nun tun, was er ohnehin den ganzen Tag tut, nämlich das Gute verherrlichen (Amseln, Espresso, Socken ohne Gummibündchen, Miezekatzen) und das Schlechte ignorieren (Birkenpollen, Radiowerbung, koffeinhaltige Brause mit Kirschgeschmack). Da hat der Hersteller freilich einen Trick eingebaut, was heißt Trick, eine Gemeinheit.

Die Flasche mit der Cherryplörre ist nämlich so gut wie unmöglich von jener zu unterscheiden, farblich, die das reine, seit 1886 servierte Elixier enthält. Schon gar nicht im Supermarktlicht. Der Kunde greift gutgelaunt zur Brause, das schlimme Erwachen folgt zu Hause. Statt des wohlschmeckenden, wenngleich sündigen Zuckergesöffs besitzt man eine Flasche Ekelzeugs, das allenfalls bei einer Produkttemperatur möglichst nahe dem Gefrierpunkt hinunter-, wenn nicht sogar direkt wegzukippen ist. Und ungesund obendrein.

Erbitterte Gegner der Kirschvariante mutmaßen seit langem, die Verwechselbarkeit habe Methode, weil sich das missratene Stiefkind (und übrigens auch der völlig indiskutable Vanille-Ableger) sonst schlichtweg nicht verkaufen ließen. Andererseits: Man könnte ja generell darauf verzichten, Flüssigkeiten mit künstlichem Kirsch- oder Vanillegeschmack herzustellen (gilt insbesondere für Körperpflegeprodukte). Dann müsste man sie auch nicht in lügende Flaschen füllen.

Der Begriff Flasche stammt bekanntlich vom italienischen fiasco ab. Far fiasco bedeutet: beim Publikum in Ungnade fallen, und wörtlich: Flasche machen (vgl. auch Trapattoni, Giovanni: Münchner Rede, 1998). Kann natürlich sein, dass der Verwechslungskäufer von Cherry-Coke selber eine ist.

„Eine Flasche ist ein leerer Behälter. Eine menschliche Flasche ist ein leerer Kopf“, antwortete Gerhard Brensbach 2006 der Illustrierten „Stern“ auf eine Flaschenumfrage. „Ist in der Flasche z.B. Wein, dann sagt man: eine gute Flasche Wein. Ist in einem Kopf Hirn, sagt man: ein schlauer Kopf. Deshalb trinkt ein schlauer Kopf eine gute Flasche Wein, und ein leerer Kopf eine schlechte Flasche Schnaps.“ Und niemals Kirschcola. Danke, Herr Brensbach. Möglicherweise auch Herr Gerhard aus Brensbach. Cin cin.

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