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Mark Twain schilderte bereits 1894 in seinem Roman „Knallkopf Wilson“ einen folgenreichen Babyaustauschfall, der im Buch nur zu klären ist, weil ein junger Mann eine Fingerabdruckkartei angelegt hat.

Times mager

Fingerabdruck

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Rührend, dieses Vertrauen in die Erinnerung. Dabei ist es sehr gut, dass der Fingerabdruck entdeckt und schließlich auch vor Gericht verwendet wurde.

In der Kultur und vor Gericht genießt die Erinnerung ein besonders hohes Ansehen, per se, aber vor allem in prekären Situationen.

Der Portugiese Tiago Rodrigues hat vor einigen Tagen bei der Wiesbaden Biennale das Loblied des Auswendiglernens von Literatur in Notlagen (Erblindung, Büchervernichtung) gesungen.

Das MMK in Frankfurt lädt für das kommende Wochenende ins „Imaginäre Museum“ ein, in dem nurmehr Menschen sein und die Kunstobjekte der vorangegangenen Ausstellung beschreiben werden. Die Rechtsprechung kennt Augen- und Knallzeugen. Aber auch Augenzeugen, die sich nicht erst beim Knall umdrehten, wissen oft nicht, welche Farbe das Auto hatte.

Im Gerichtsdrama ist es interessanterweise häufig der Anwalt des Schurken, der das Erinnerungsvermögen des braven Zeugen unlauter infrage stellt.

Höchstens dieses Gefühl: Das stimmt was nicht

Erinnerung ist eine umso unsicherere Kantonistin, als nichts dem Innersten des betreffenden Menschen näher liegt. Höchstens noch das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Lücken füllt die Erinnerung aber bereitwillig aus. Kann sie das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, überrumpeln, kennt die Erinnerung kein Halten mehr. Selbstverständlich ist das Auto rot gewesen, sobald sich das Gehirn darauf eingependelt hat.

Darum war es so wesentlich, dass 1891, vor 125 Jahren, zum ersten Mal ein Fingerabdruck als Beweis vor Gericht zugelassen wurde. Das war in Argentinien. Es sei schwierig gewesen, den Fingerabdruck bei der Polizeiarbeit durchzusetzen, meinen Experten heute dazu, es habe an der Vorstellungskraft gefehlt, dass ein Mensch durch einige Rillen eindeutig zu identifizieren sei.

Offenbar fand man es leichter, sich vorzustellen, dass ein Mann, den der Augenzeuge nur ein einziges Mal im Leben an sich vorbeirasen sah, eindeutig zu identifizieren sei.

Weit einsichtsvoller war hier die Literatur, vertreten durch Mark Twain. Er schilderte bereits 1894 in seinem Roman „Knallkopf Wilson“ einen folgenreichen Babyaustauschfall, der im Buch nur zu klären ist, weil ein junger Mann eine Fingerabdruckkartei angelegt hat.

Dass man ihn am Ort Knallkopf Wilson nennt, sagt alles über die vorherrschende Meinung zur modernen Technik. Da ein weißhäutiger Schwarzer im Zentrum des vertrackten Falls steht, wischt Mark Twain gleich auch noch den Anhängern des Augenscheins einen aus.

Worauf will diese Spalte eigentlich hinaus? Das ist mir leider entfallen, aber nach dem jetzigen Stand könnte man sagen, dass das Vertrauen in das Erinnerungsvermögen etwas Rührendes, aber auch Entsetzliches hat.

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