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Die Premiere von „Fidelio“ von Christoph Waltz war im TV statt auf der Bühne zu sehen.

Times mager

Fidelio

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Der Premierenbesuch von „Fidelio“ von Christoph Waltz war im TV durchaus ungewohnt.

In der FR stand zwar, man solle bitte auch während einer per Video angeschauten Opernaufführung die Klappe halten, aber das funktioniert natürlich nicht. Man sitzt daheim auf dem Sofa. Da lässt sich der Mensch, noch dazu der zugleich gestresste und unausgelastete, nicht den Mund verbieten. Am Montagabend war das wieder live zu erleben, als Christoph Waltz’ Inszenierung von Beethovens „Fidelio“ auf Arte zu sehen war (noch bis zum 2. Mai in der Arte-Mediathek!).

Waltz’ „Fidelio“, in der nicht oft gezeigten zweiten Fassung am Theater an der Wien aufgeführt, geriet Mitte März mit dem Premierentermin Sekunden vor die großen Kontaktsperren: Die bereits publikumslose Premiere wurde im Internet übertragen, da die Akteure auf der Bühne und im Graben noch zusammenkommen durften. Auch hier also reichten nun zwei Personen, um die Aufführung ständig zu stören und das Ganze in einen langen (133 Minuten langen) Strom von Spontaneität und Widerspruchsgeist zu versenken.

Denn sind die gewaltigen, spiraligen Treppen nicht eindrucksvoll? Aber könnte man darin nicht ebenso gut eine Wagner-Oper oder eine Verdi-Oper zeigen? Aber ist die Ausleuchtung nicht großartig? Aber sind die Kostüme nicht unmöglich? Aber ist die Figurenführung nicht doch zart? Aber ist der Rocco nicht doch blass? Aber haben wir den nicht neulich in ... ? Aber war ich da dabei? Aber warst du da nicht dabei? Aber wo ist sie denn nun geblieben, die Figurenführung? Aber wenn man sich jetzt die Treppen in groß vorstellt? Aber ist die zweite Fassung nicht überhaupt lahmer? Aber ist es nicht schön, sich so ganz auf die Musik konzentrieren zu können? Aber sollen wir uns nicht einen Kaffee kochen? Aber könnte man auf solchen Treppen nicht auch eine Strauss-Oper zeigen? Oder „Turandot“ oder „Die Fledermaus“?

So verging die Zeit und wurde auch diesmal am Ende ein gelinde verzweifelter Florestan von seinen Ketten befreit (die sich zu dieser fortgeschrittenen Stunde traditionell wie von selbst lösen), ohne dass Tränen gerollt wären.

Dann geschah aber Folgendes. Nach einem Schnitt waren auf einmal alle auf der Bühne, auch die Orchestermitglieder, alle standen auf den Treppen herum und in Richtung des imaginären Publikums, aber ohne Applaus war das ein Kichern, Gickeln und Schnattern. So viele Menschen, so nah beieinander, so heiter und beflügelt, und dann die Stimme von Waltz, der im Gewimmel rief, er bedanke sich und jetzt sei es ja doch noch etwas geworden. Dann klatschten alle. Auf dem Sofa war es still, keiner von beiden wollte etwas davon versäumen.

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