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Nun ist zu sehen, wie Lars Eidingers Oberlippe aufs feinste zittern, auch ein einzelnes seiner blauen Äugelchen tückisch funkeln kann.

Times mager

Die Feuilleton-Glosse: Frisur

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Vom Zusammenzucken, wenn die Zeitschrift unseres Vertrauens sich noch nicht umstellen konnte und vergnügt Reiseziele empfiehlt.

Die Zeitschrift unseres Vertrauens konnte sich nicht mehr auf die aktuelle Situation einstellen. Leserinnen und natürlich auch Leser werden ermuntert, Reisepläne zu schmieden („Valencia ist Spaniens neuer Hotspot“), im Büro durch schicke Kleidung zu überzeugen – das beginnt überraschenderweise schon mit der perfekten Unterwäsche – und köstliche Menüs & Büfetts nachzukochen („Gemeinsam schmeckt’s am besten“). Selbst wer das immer schon gerne gelesen hat, ohne auf Reisen zu gehen, sich flott anzuziehen oder mehrgängig für sechs Personen zu kochen, erstarrt geradezu angesichts dieses heiteren Alltags, der jetzt nicht nur aus einer anderen Welt, sondern aus einer anderen Zeit stammt. Möge sie wiederkommen, die andere Zeit, bevor wir weiße Haare haben. Denn auch wer ungern reist, selten shoppt und nie Menüs kocht, will doch ab und zu zum Friseur.

Sicherheitsabstand in der Drogerie in Zeiten von Corona

In der Drogerie stehen Menschen sinnierend vor den Haarfarben, aber der Sicherheitsabstand erschwert es, dem Problem entschlossen entgegenzutreten. Zumal es erst dort interessant zu werden scheint, wo es zwar nicht zum Knäuel kommt, aber doch zur Triobildung, bei der nur die Füße den Sicherheitsabstand einhalten (quasi wie beim Einwurf, früher beim Fußball). Dabei haben diese Damen keinen Grund zu jammern, was aber eben auch daran liegen könnte, dass sie die Lösung des Problems kennen.

Tröstlich, dass zu den wenigen Köpfen, die man derzeit ernsthaft geruhsam anschauen kann, vornehmlich die Künstlerinnen und Künstler in den Aufnahmen von Bühneninszenierungen gehören. Rückt der Mitmensch ab – zumal einige wohl vermuten, dass es Übertragungen via Blickkontakt gibt –, nähern sich ausgerechnet jene überdeutlich an, die sonst in weiter Ferne schweifen. Dabei ist nun zu sehen, wie Lars Eidingers Oberlippe aufs feinste zittern, auch ein einzelnes seiner blauen Äugelchen tückisch funkeln kann (als Richard III.). Und wie Jonas Kaufmann, wenn der Regisseur ihn nicht ausreichend beschäftigt (gar nicht beschäftigt), zu improvisieren beginnt. In bombastisch-unverbindlicher Münchner „Troubadour“-Umgebung hat er für Azucena ein nettes Wird-schon-wieder-Lächeln.

Auch in den Opernaufnahmen können die Mitwirkenden sich selten direkt ansehen, ihre Blicke schweifen aber mit gutem Grund nach links, rechts, oben, unten: immer hin zum Dirigenten im Graben oder auf einem der Bildschirme. Das gibt dem Unterfangen eine irre, aber auch zutiefst menschliche Note. Man leidet, tut und macht, aber man will auch wissen, wie lange es noch dauert.

Die Frisuren, die gezausten und die gestriegelten, sie sitzen wie angegossen.

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