1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Ferien

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Mehr CO2: Auf den Autobahnen herrscht 2021 wieder der gewohnte Wahnsinn.
Ferien! Und schon wieder Stau. © Jürgen Mahnke/dpa

Die Autobahnfahrt war lang. Aber einst waren auch die Ferien lang, in die das Kind selbstverständlich nicht ohne Hundi fuhr.

Hundi musste natürlich mit. Und aus dem Fenster sehen können während der Fahrt. Bärli? Schon auch. Obwohl, da war das Kind notfalls zu Verhandlungen bereit. Nie aber bei Hundi, denn Hundi (dackelähnlich, irgendwie) war ohne Frage und in jeder Situation das Emotionale Unterstützungstier Nummer 1. (Und das bereits deutlich, ehe die Erwachsene Jahrzehnte später den Begriff „Emotionales Unterstützungstier“ lernte, das spricht für die Qualitäten Hundis. Wie auch, dass er gelegentliches Einshampooniert- und Ausgewaschen-Werden tadellos überlebte.)

Aber wir schweifen ab. War alles eingepackt, Luftmatratze, Luftmatratzen-Luftpumpe, Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, Buntstifte, Papier, denn es könnte ja doch auch mal schlechtes Wetter sein – jedenfalls alles, das man am Urlaubsort völlig unnötigerweise hätte kaufen müssen, hätte man es vergessen, dann ging es Richtung Autobahn, dann schauten das Hundi und das Kind interessiert aus dem Fenster, zählten gemeinsam die roten Autos, die entgegenkamen oder die Wohnwagen, die der Vater überholte.

Aber irgendwann wurde es Hundi langweilig. Und weil Hundi nicht sprechen konnte, fragte das Kind an seiner Stelle: Wann sind wir daaaaaa ..? Wie lange no-hoch? Oder, im für die Eltern potenziell unangenehmsten Fall: Mir ist schlecht! Und Hundi ist auch schon ganz blass um die Schnauze. (Okay, Letzteres sagte das Kind nicht, schon deswegen, weil es an Hundi wg. Unwohlseins grad mal nur am Rand dachte.)

Da wusste die Mutter, dass es Zeit war, das Ablenkungsprogramm zu starten.

Und nein, liebe heutige Kinder, sie spielte nicht zum Beispiel einfach Saša Stanišics „Hey, hey, hey Taxi!“ ab. Das macht einen kleinen Menschen zwar sofort putzmunter, wenn nicht im Handumdrehen gesund. Aber wenn so ein Auto damals ein Radio hatte, war das schon viel. Und im Radio lief Erwachsenenprogramm, puh.

Ich seh etwas, was du nicht siehst, sagte also die Mutter, und machte es spannend: und das ist ... rot. Das Auto!, rief das Kind. Dann fiel ihm auf, dass das viel zu einfach war. Kam doch alle paar Sekunden ein rotes Auto. Also sagte es: Wann sind wir endlich da?

Die Autobahnfahrt war lang, endlos lang. Allerdings kamen dem Kind die Sommerferien auch lang vor, endlos lang. Jedenfalls am Anfang. Als sie dann zu Ende waren, als von der Luftmatratze bis zu den Buntstiften alles wieder eingepackt werden musste (und wieso war der Kofferraum geschrumpft?), hätten sie ruhig noch länger sein können. Und da ahnte das Kind noch nicht einmal, dass im Erwachsenenleben der Urlaub von Anfang an zu kurz ist.

Auch interessant

Kommentare