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Vielleicht schaut der Mann den allerletzten Schwalben des Sommers nach - und hat deshalb keine Gelegenheit, den Gruß des Radlers zu erwidern.

Times mager

Fenstermann

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Tag für Tag für Tag: Ein Mann am Fenster, ein Radler am Vorbeifahren. Wird der Mann am Fenster einmal grüßen?

Den ganzen Sommer hat der Mann am offenen Fenster verbracht. Normalerweise würde man annehmen: der alte Mann, aber nein. Einfach nur ein Mann, nicht jung, nicht alt. Stand jeden Abend am Fenster, schaute den vorbeiradelnden Heimpendler an und grüßte nicht zurück.

Zugegeben: Der vorbeiradelnde Heimpendler hatte mal Helm und Sonnenbrille auf, mal nur Helm, mal nur Sonnenbrille, mal gar nichts am Kopf. Kann sein, dass man in der ersten Woche dieses langen, langen Sommers noch dachte, es handle sich jeden Tag um eine andere Person, die da vorbeiradelt und grüßt. Kenn ich nicht. Grüß ich nicht zurück.

Aber spätestens nach zwei Wochen müsste einem doch langsam klar sein: Dieses Tier da, vorn am Fahrrad (wenn man draufdrückt, quakt’s), das habe ich doch schon mal gesehen. Gestern. Vorgestern. Vorvorgestern. Ei, da grüß ich halt mal zurück. Nein. Nix.

Die Strecke, die am Fenster des Mannes vorbeiführt, ist eine Steigung. Einigermaßen steil. Man blitzdingst nicht gerade dermaßen rasant vorüber, dass sich, wer stillsteht, fragen müsste: War da was? Eher handelt es sich um eine verhältnismäßig lange Zeitspanne, die man einander näherkommend und sich ansehend verbringt. Es wäre also kein Wunder, setzte da ein Erkennen ein, ein Wiedererkennen, und dann womöglich ein Lächeln, ein Nicken, ein Gutentach. Aber nix.

Wer weiß, was er gesehen hat den ganzen Tag auf der schmalen Straße. Vermutlich ist die Hälfte der Autos zu schnell durchgejagt, von wegen dreißig Ka-Em-Ha, und zwei Drittel davon hatten auch noch vorhöllenlaute Pumpi-pumpi-pumpi-pumpi-Musik am Start. Eventuell blieb ein Lastkraftwagen in der engen Kurve stecken. Das kommt schon mal vor. Vielleicht schaute der Mann den allerletzten Schwalben zu, die immer noch in ihre Nester schwirren und wieder weg, drüben, auf der anderen Seite der Straße, unterm Dachkändel.

Sicher trottete der dicke Kater vorbei, der beim Nachbarn gerade noch unterm Hoftor durchpasst, aber wirklich grad noch. Nächstes Mal bleibt er stecken, der Kater, hat er wahrscheinlich gedacht, der Mann am Fenster. Oder es ist wieder diese Parade von Zwergpinguinen durch die Straße marschiert, mit Transparenten, auf denen steht: „Gegen Kohleverstromung – für Klimaschutz!“ Oder ein Raumschiff landete.

Oder: Jeden Tag, unmittelbar vor dem ungegrüßten Radfahrer, fährt einer vorbei mit dem gleichen Helm, der gleichen Sonnenbrille und dem gleichen Quak-Tier am Lenker, und der Mann am Fenster denkt: Ihr wollt mich doch hier alle verdummbeuteln. Wer weiß.

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