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Opernhaus La Fenice, der Zuschauerraum.

Times mager

La Fenice

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Kein Husten, praktisch kein Handygefummel - und im berühmten Opernhaus ist stets ohne Aufwand klar, was die Stunde geschlagen hat.

Vor der umfassenden Abdunkelung der Zuschauerräume in der Oper war das Geschehen im Parkett und in den Logen ein gewaltiges Sehen und Gesehenwerden. Die Musik und das emotional offenherzige Geschehen auf der Bühne kamen da gerade recht. Einem Menschen beim versonnenen Zuhören zuzuschauen, etwas Entzückenderes lässt sich kaum denken. Wie traurig waren am Wochenende wieder die Versuche der Fernsehkameras, wenigstens für einen Moment die Gesichter hoffnungsvoller Fußballfans bei den musikalischen Riten vor Spielbeginn einzufangen. Gleich wurde den Gefilmten ja klar, wie ihnen geschah. Der kameraüberwachte Fußballplatz ist Antiintimität. Der Zuschauerraum eines Opernhauses ist reinste Intimität. Wobei der absolut berechtigte Stolz der Künstler seit ungefähr 150 Jahren dafür sorgt, dass man davon nichts mitbekommt. Man sieht nichts, man ist nicht zu sehen, man kann kaum zappeln, schon gar nicht posieren. Wer sich auch nur vorbeugt, dem klopft der Hintermann zu Recht auf die Schulter, weil ihm die Sicht genommen wird. Die Sicht auf die Bühne natürlich. Darum sind wir ja hierher gekommen.

Dass das bis heute nicht zwingend so ist, kann man sich, muss man sich im venezianischen Opernhaus La Fenice vor Augen führen. Der Phönix, gebaut (1792) nach einem Brand, dann abgebrannt (1836) und aufgebaut (1837!), dann abgebrannt (1996) und aufgebaut (2003), feiert den Zuschauerraum wie kein anderes uns bekanntes Theater. Um das Parkett herum flaniert man wie auf einer Piazza, höflich bitten die Einlasser darum, Platz zu nehmen, aber warum sollte man, wenn so viel los ist. Unter den Garderoben auch Masken (die einige Zeit Pflicht waren, um es noch spannender zu machen). In die steile Wand sind die berühmtesten Logen der Welt eingelassen, um die man sich einst riss und in denen sich die schamlosesten Dinge abgespielt haben sollen. Bis heute hängen die Menschen je nach Naturell wie Raffael-Engel oder Waldorf und Statler über der Brüstung. Man sieht sich nicht satt.

Das Publikum zur Premiere von Verdis krass an der Rampe gesungenem „Maskenball“: Sehr diszipliniert, angenehm wenig Zwischenapplaus, kein Husten, praktisch kein Handygefummel. Langweilig kann es ja auch nicht werden. Zudem hängt eine riesige Uhr vorne an der Decke, so dass stets ohne Aufwand klar ist, was die Stunde geschlagen hat. Atemberaubende Schönheit tut sich mit Pragmatismus und Prioritätensetzung zusammen und lässt die vielbeklagte Heruntergekommenheit des italienischen Opernbetriebs in einem schillernderen Licht erscheinen.

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