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Von: Judith von Sternburg

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Geschichtsverfälschung in der Architektur: Damit kennt man sich in Frankfurt, Stadt der neuen Altstadt, aus.
Geschichtsverfälschung in der Architektur: Damit kennt man sich in Frankfurt, Stadt der neuen Altstadt, aus. © Andreas Arnold/dpa

Nachts um halb vier weiß man wieder, was man falsch gemacht hat. Nicht schön.

Auch wenn sich durch das Internet vieles verändert hat, ist die Nacht für Zeitungsredakteurinnen und Zeitungsredakteure immer noch eine gespenstische Zeit. Das liegt nicht daran, dass es sich bei ihnen um besonders große Angsthasen handelte, jedenfalls sind sie keine größeren Angsthasen als andere vernünftige Erwachsene, die vor dem Einschlafen natürlich auch noch einmal unter das Bett schauen. Aber darum geht es hier nicht.

Die Nacht ist vielmehr der Zeitpunkt, an dem sich Fehler der Tagesarbeit auf einmal klar im Gehirn zeigen. Die Zeitung ist noch nicht ausgeliefert, aber die Fehler sind bereits gedruckt. Eine einst gesehene Filmszene – aus welchem Film? – ist ein trauriges Sinnbild dafür: ein Mensch, der aus diesem Grund versucht, die Auslieferung der Zeitung zu verhindern. Aussichtslos, sich den Lastern entgegenzustellen, die aus der Druckerei rasen. Im Film sieht das lustig aus, ist es aber nicht.

Aus guten Gründen denkt man oft darüber nach, wie einen das Gedächtnis so und so täuschen kann, indem man dann zum Beispiel eigene Briefe nicht mehr wiedererkennt. Siri Hustvedt lässt in ihrem Buch „Damals“ letztlich offen, wie viel die Tagebuchaufzeichnungen einer jungen Frau namens Siri H. mit ihr zu tun haben. S. sagt, sie habe den Eindruck gehabt, dass die Demenzerkrankung ihrer Mutter kein Entweder-oder zum sogenannten Normalzustand bedeute. Vielmehr erscheine es ihr wie das schutzlose Fortschreiten einer vom Hirn bis dahin nur umsichtig aufgefüllten Lückenhaftigkeit.

Seltener kommt es aber doch vor, dass das Gehirn einen knallhart korrigiert. Nachts um halb vier. Man wacht auf, und auf einmal weiß man es wieder und erkennt den falschen Namen, die unmögliche Jahreszahl, die frappierend unlogische Überlegung.

Heute Nacht, also von Ihnen aus gesehen vergangene Nacht lag vermutlich auch offen zutage, um welchen Film es sich gehandelt haben könnte. Am heutigen Donnerstag vor 120 Jahren wiederum stürzte der Campanile von San Marco in Venedig ein. Zuvor, liest man, waren Metallanker im Inneren des Turms entfernt worden, in den ein Aufzug eingebaut werden sollte. Nun will man nicht der zuständige Ingenieur gewesen sein. Es ist ein Trost, nein, es ist kein Trost, aber es ist eine Tatsache, dass Fehler in der Zeitung meistens weniger praktische Folgen haben.

In Venedig schloss sich an den Wiederaufbauplan eine Debatte um Geschichtsverfälschung in der Architektur an. Damit kennt man sich in Frankfurt, Stadt der neuen Altstadt, aus. Geschichtsverfälschung in der Architektur hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge und löscht es gleichzeitig aus. Auch ein ziemliches Ding.

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