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Wie ein in die Gegend gewucherter Fremdkörper, der sich versehentlich an den Rest des Bauwerks gelehnt hat.

Times mager

Berliner Humboldt-Forum: Ein Fremdkörper

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Bauwerke in Berlin von höchst unterschiedlicher Art. Die Kolumne „Times mager“.

Kollege K. hat natürlich recht, nicht nur, weil er nun mal der Chefredakteur ist: Jede Minute sei exakt gleich lang, sagte Kollege K. erst kürzlich, und der Laie kann nur antworten: Wenn er es sagt, wird es schon so sein.

Andererseits: Man kann die Zeit auch raffen, sonst wäre ja der Zeitraffer nicht erfunden worden. Dieses Raffen geschieht zum Beispiel dann, wenn der Betrachter und die Betrachterin die Fortschritte an einem neuen Bauwerk in größeren Zeitabständen zur Kenntnis nehmen.

Gerade sind die Betrachterin und der Betrachter mal wieder am Berliner Stadtschloss vorbeiflaniert, beziehungsweise an dem Beton-Bauwerk, das unter diesem Namen bekannt ist, ihn allerdings nicht tragen wird, weil es nämlich Humboldt-Forum heißen wird, wahrscheinlich, um dem Grauen wenigstens vom Namen her ein wenig aufklärerischen Glanz zu verleihen.

Zuletzt hatten die Betrachterin und der Betrachter noch gut erkennen können, dass hinter der „historischen“ Fassade eine Betonhülle steckt. Die sah man jetzt nicht mehr, die aufdringlichst historisierende Fassade hatte entscheidende Fortschritte gemacht. Dann, ein paar Schritte weiter, fiel der Blick auf die Ostwand.

Sie wird schon als Bruch gemeint sein vom Architekten Franco Stella, als Hinweis auf die Spannung zwischen dem Aufrufen der Geschichte und dem modernen Bauen unserer Tage. Aber als hätte man gezielt den Versuch verweigert, die Dialektik von historischem Erbe und Gegenwart in einem organischen Ganzen zu repräsentieren, hängt der Sichtbeton der Ostfassade am „historischen“ Schloss wie ein in die Gegend gewucherter Fremdkörper, der sich versehentlich an den Rest des Bauwerks gelehnt hat.

Die Betrachterin und der Betrachter hatten natürlich nicht vergessen, dass die DDR-Führung einst die Reste des Schlosses hatte zerstören lassen, um mit ihrem „Palast der Republik“ zu glänzen (den die Ost-Berliner dann allerdings, ganz unpolitisch, als Bezugspunkt und Vergnügungsort gern in Anspruch nahmen).

Aber die neue, östliche Betonfassade ist durch schmale, hohe Fensteröffnungen durchbrochen, und prompt flammte die Frage auf, ob es die richtige Antwort auf den längst abgerissenen „Palazzo Protzo“ sei, nun an gleicher Stelle ausgerechnet Richtung Osten eine Mauer zu bauen, die aussieht, als sei sie von überdimensionierten Schießscharten durchsetzt.

Die Betrachterin und der Betrachter wandten sich um und der Museumsinsel zu. Erstmals sahen sie die neue James-Simon-Galerie von David Chipperfield. Und sie freuten sich, dass die Spannung zwischen historischer und moderner Architektur auch zu Großartigem führen kann.

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