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Familienvater

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Von: Judith von Sternburg

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Der Familienvater, nicht zu verwechseln mit dem Landes-oder Gottesvater.
Der Familienvater, nicht zu verwechseln mit dem Landes-oder Gottesvater. © Patrick Pleul/dpa

Hat ein Familienvater eine bessere Übersicht über die Lage als andere Leute? Möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich.

Im Ringen um Prioritäten fiel in privatem Kreise dann die Sätze: Seine Hauptsorge gelte nun den Russen, alles andere werde angesichts von Putins Vorgehen zurückstehen müssen. Dies sage er als Familienvater. Mit „allem anderen“ war in diesem Zusammenhang das Klimathema gemeint, normalerweise mittlerweile begründet als Klimakatastrophe bezeichnet. Nun ist – einmal abgesehen vom Vorhergehenden – Familienvater ein Wort, das einen leicht aufbringen kann, zumindest dann, wenn man kein Familienvater ist. Weil einem dadurch stärker auffällt, was damit gesagt wird: Es ist schon besser, Familienvater zu sein, um das ganze Ausmaß einer Situation begreifen zu können. Da sollten die, die kein Familienvater sind, mal kurz die Klappe halten. Haben wir dann auch verlegen getan.

Was aber, wenn man zum Beispiel denkt, ob nicht gerade ein Familienvater das Klima niemals als nachrangig behandeln sollte? Hat gerade er doch dazu beigetragen, dass eine gewaltig große Gruppe von einigen Milliarden Menschen auch fürderhin auf dieser harten, aber zarten, von den unendlichen Weiten des Weltraums durch eine schmale Schutzschicht getrennten und um einen Feuerball herumrasenden Kugel ihr Leben fristen will?

Aber schon benutzt man das Wort ja selbst, Familienvater. Es ist freilich erforderlich, um den Vater einer Familie von anderen Vätern zu unterscheiden, als da wären der Landesvater und Gottvater, eine faszinierende Hierarchie, ganz dazu angetan, ein Staatswesen für längere Zeit stabil zu halten. Zu Recht werden Sie einwenden, dass es auch Landesmutter und Gottesmutter (immerhin) gibt. Und der Duden kennt auch die Familienmutter, die jedoch hier draußen in der materialisierten Welt selten in Erscheinung tritt. Fragen wir sicherheitshalber auch kurz noch im immateriellen Internet nach: „zweifacher Familienvater“ ungefähr 189 000 Treffer, „zweifache Familienmutter“ 237 Treffer.

Interessant in diesem Zusammenhang, wie viele berufstätige Mütter es in der öffentlichen Diskussion gibt und wie selten von einem berufstätigen Vater die Rede ist. Zweiteres scheint ein weißer Schimmel zu sein, wie die Kindsmutter aber doch auch, die sich über die Jahrhunderte gut gehalten hat. Natürlich könnte jemand auch die Mutter von etwas ganz anderem sein. Mir fällt jetzt aber kein gutes Beispiel ein.

Wieso kommt so eine angespannte Stimmung auf bei dem Thema? Spricht der Neid aus uns, die wir niemals Familienvater sein werden? Nicht auszuschließen. Fehlt uns in diesem Text vor allem der Sinn für Prioritäten? Zweifellos. Aber auch wir haben gerungen und es ist einfach nicht mehr dabei herausgekommen.

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