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Familie H.

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Von: Sylvia Staude

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Was passierte hinter den Gardinen?
Was passierte hinter den Gardinen? © Robert Kalb/Imago (Symbolbild)

Erinnerung ist ein trügerisches Konstrukt. Wie also war das damals mit den H.s von nebenan?

War es wirklich so, dass Familie H. heimlich im Keller hauste, damit die guten Möbel nicht abgenutzt wurden? Dass die guten Möbel permanent mit Bettlaken abgedeckt waren, denn sonst wären sie ja eingestaubt? Leider stand das Haus der H.s nicht direkt an der Straße, auch gab es Gardinen, ziemlich massive, blickdichte, so dass an ein Reinlinsen zu einem der Fenster nicht zu denken war. Die Kinder hätten über den hellblau gestrichenen (Metall-)Zaun klettern und den penibel gemähten Rasen sowie ein Blumenbeet überqueren müssen. Dafür reichte kein Mut, nicht angesichts der H.s, denn, falls das mit dem Wohnen im Keller stimmte, dann waren sie bestimmt auch zu Dingen fähig, wie … ach, lieber gar nicht erst drüber nachdenken.

Jedenfalls schien plausibel, was die Erwachsenen sich erzählten, wenn sie glaubten, dass das Kind es nicht hört, denn im Sommer konnte man Frau H. in ihrer Kittelschürze dabei zusehen, wie sie jedes Unkräutlein jagte, im Herbst, wie sie tatsächlich alle gelben Blätter einzeln vom Rasen klaubte, auf den sie eine kleine, in die Mitte gepflanzte Birke fallen ließ. Hätte man in den sechziger Jahren schon im Traum daran gedacht, zum Beispiel nur Wagenladungen weißer Kiesel rund ums Haus zu schütten, die H.s hätten sich vermutlich als Trendsetter und Vorreiter eines pflegeleichten Gartens die Mühe der Blumenrabatte gespart. Aber dann hätten wir uns nicht mehr so schön überlegen fühlen können, weil wir Eltern hatten, die sogar mehr als fünf Löwenzahnpflanzen oder Herbstblätter gerade sein ließen.

Aber war es so, wie wir uns erinnern, wenn wir an die H.s denken? Blickte sie nie auf von ihrer Arbeit? Sagte er nie „Grüß Gott“? Man hat gelernt, dem eigenen Gedächtnis durchaus zu misstrauen. Vielleicht hatte sie es nur gern ordentlich, die Frau H., da gab es auch andere. Und gab es nicht zwei Kinder? Redete man je mit ihnen? Spielte gar mit ihnen? Hat das Kind sie gefragt: Sag mal, darf ich mal mitkommen zu dir? Nein, die Neugier war nicht so groß, dass sie über die Scheu vor dieser stillen Familie gesiegt hätte.

Und immer noch geht man, Jahrzehnte später zu Besuch in P., am Haus der H.s vorbei und wirft einen fast schon heimlichen Blick darauf, als könne einen Frau H. in ihrer Kittelschürze dabei erwischen, wie man sie beim Jäten beobachtet, als könne Herr H. zurückstarren mit diesem seltsam unbeteiligten Blick, an den man sich erinnert. Mag sein, dass da jetzt eines der Kinder wohnt, mit seiner eigenen Familie. Aber geändert hat sich nur, dass der Garten ein bisschen weniger ordentlich ist. Und die Gardinen ein wenig vergilbt.

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