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Falscher Zug

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Von: Judith von Sternburg

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Erst fährt der Zug in die falsche Richtung und dann wird einem bewusst: kein Aussteigen möglich, erst recht nicht im Tunnel.
Erst fährt der Zug in die falsche Richtung und dann wird einem bewusst: kein Aussteigen möglich, erst recht nicht im Tunnel. © Jan Woitas/dpa

Es wird mal wieder die Bahn gewesen sein, die den Mist gebaut hat – und dann kann man noch nicht einmal abspringen.

Im Fernzug nach Norden kürzlich ein Typ, der nach Süden will. Immer eine blöde Situation. Es ist menschlich, nämlich unlogisch und selbstwertdienlich, dass der Typ sofort über die Bahn schimpft. Keine Verspätung, kein Gleiswechsel, Beschriftung am und im Zug korrekt. Und doch: Wären wir alle in einem Micky-Maus-Heftchen, erschiene jetzt über den Köpfen der Mitreisenden eine Denkwolke. „Irgendeinen Mist wird sie schon gebaut haben, die Bahn“, stünde darin.

Wären wir hingegen in Friedrich Dürrenmatts Geschichte „Der Tunnel“, ginge es vom Schlüchterner Tunnel an immer nur noch weiter ins Dunkel, der Typ hätte dann einen noch viel größeren Fehler gemacht, als er bisher ahnen konnte. Alle wären aber dadurch abgelenkt, dass sie über den Sinn des Lebens nachdächten.

Wären wir hingegen im Orientexpress, würde alles wahnsinnig kompliziert, ein Mord, Schnee im Mai. Natürlich bleibt die Bahn sofort stecken, die Oberleitungen frieren ein, es gibt eine Signalstörung, einen Schaden am Zug, Probleme im technischen Ablauf, und durch einen vorausfahrenden langsamen Zug ginge es auch sonst nicht weiter. Alle schimpfen über die Bahn, einige reden sich über den Deutschen Wetterdienst in Wut. Der Typ wäre jetzt entweder hochverdächtig oder überhaupt nicht verdächtig, das kann nur Hercule Poirot klären.

Wären wir hingegen in Agatha Christies Roman „16 Uhr 50 ab Paddington“, hätte sich zwar im Zug neben uns ein ungeheuerlicher Vorfall abgespielt. Aber wir zitieren hier bloß den einen für uns wesentlichen Satz (aus der Übersetzung von Ulrich Blumenbach): „Mrs. McGillicuddy griff instinktiv nach der Notbremse, aber dann zögerte sie. Welchen Sinn hatte es schließlich, ihren Zug zum Halten zu bringen?“ Ja, wirklich, da hat sie recht, Lob und Preis der vernünftigen Mrs. McGillicuddy. Wüsste der Typ davon, hätte er vielleicht gedacht: Wäre ich bei der Gelegenheit doch fix rausgesprungen. Aber das geht nur im Western gut.

Wären wir hingegen in der 5. Folge der 5. Staffel von „Breaking Bad“, säßen wir gar nicht im Zug, weil es sich in dieser absolut sensationellen Episode bei genauerer Rekapitulation der Umstände um einen Güterzug handelt.

Da der Typ immer noch schimpft, wäre es wohl am Besten, im letzten Zug nach Durango oder im letzten Zug von Gun-Hill zu sein – irgendwo, wo man mit der Handlung nichts weiter zu tun hat, der Typ aber wohlbehalten abspringen kann. Aber wenn man die Sprünge von fahrenden Zügen braucht, sind sie auf einmal nicht mehr da. Es dauerte darum dann doch bis Fulda.

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