In dem Roman „Die Stadt der Blinden“ werden zahlreiche Menschen ohne Ankündigung blind.
+
In dem Roman „Die Stadt der Blinden“ werden zahlreiche Menschen ohne Ankündigung blind.

Times mager

Fallzahl

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Wir und „Die Stadt der Blinden“: Auch José Saramago wusste von der Ratlosigkeit angesichts eines Kurvenverlaufs zu erzählen.

In der U4 sieht man nicht mehr viele Bücher, weil alle unheimlich mit ihren Handys beschäftigt sind, aber diesmal sitzt da eine Frau und liest José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“ (1995). Das ist allerdings eine hervorragende Idee.

In der Stadt erblinden ohne Ankündigung etliche Menschen. „Am zweiten Tag, hieß es, habe die Zahl der Fälle wieder abgenommen, von Hunderten auf Dutzende, und das veranlasste die Regierung zu der sofortigen Mitteilung, dass die Situation bei den derzeitigen Aussichten bald unter Kontrolle sein werde.“ Die Regierung „schloss also die zunächst erwogene Hypothese aus, dass das Land sich unter dem Einfluss einer Epidemie befand, die es in dieser Art noch nie gegeben hatte … Es musste sich nach der jüngsten wissenschaftlichen Auffassung und der darauf folgenden neusten Auslegung der Verwaltung um ein zufälliges, unglückliches, vorübergehendes Zusammenwirken von bisher nicht analysierten Umständen handeln, deren pathogene Entwicklung, wie das Kommuniqué der Regierung betonte, ausgehend von den verfügbaren Daten, die eine abfallende Kurve zeigen, bereits Anzeichen für ein Ende des Phänomens erkennen ließ.“

Jedoch: „Unglücklicherweise dauerte es nicht lange, und es zeigte sich, wie wirkungslos derlei Wünsche waren, die Erwartungen der Regierung und die Voraussagen der Wissenschaftler gingen schlichtweg den Bach herunter. (…) Einen Beweis für die zunehmende Verschlimmerung des allgemeinen Zustands lieferte die Regierung selbst, als sie zweimal in sechs Tagen ihre Strategie ändert.“ Hierbei geht es um verschieden ausgestaltete Quarantänevorkehrungen für die Infizierten. Der Ort, an den sie verbracht werden, ist der eigentliche Mittelpunkt des Romangeschehens, aber das muss man wohl niemandem erklären. „Die Stadt der Blinden“ gehört zu den Büchern, über die Leute nicht nur auf jene Weise Bescheid wissen, die in Pierre Bayards „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ geschildert wird.

Markant, dass es in erster Linie das Drama unter den auf sich gestellten Erblindeten sein dürfte, an das man sich erinnert. Die Hilflosigkeit der Regierung angesichts des Unbekannten, das Schwanken der Öffentlichkeit zwischen „absehbares Ende“, „Augen zu und durch“ (Saramago spielt selbst mit den nun bizarren Bildern rund ums Sehen) und Panik angesichts einer unbegreiflichen und hier auch entsetzlichen Situation wird vom späteren Literaturnobelpreisträger (1998) aber nicht weniger klug erfasst. Wie große Literatur am laufenden Band zurück- und nach vorne schaut: Soll es uns erlaben und trösten, soll es uns erschrecken?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare