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Fallbeil

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Von: Michael Hesse

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Wladimir Putin.
Wladimir Putin © afp

Es gibt viele Arten des Abtritts von der Weltbühne. Was, wenn wir in einem Live-Voting über politische Schicksale abstimmen könnten?

Bereits der Philosoph Friedrich Nietzsche verwies auf die Tatsache, dass das Wort „gerecht“ von den meisten im Sinne von „gerächt“ verwendet wird. Konkreter gesagt: Gerechtigkeit stellt sich für viele durch Rache ein. Der neueste Beleg für diese These ist dieser Tage zu vernehmen. Das Zentrum für politische Schönheit stellt die Frage, wie der russische Präsident Wladimir Putin für die von ihm verursachten Kriegsgreuel am besten zur Rechenschaft werden sollte. In diesem Zusammenhang kann per Live-Voting abgestimmt werden: „Wählen Sie Ihre bevorzugte Strafe für Putin vor dem Internationalen Strafgerichtshof“, heißt es unter punishputin.com. Die Auswahlmöglichkeiten sind hierbei: Guillotine, Gefängnis oder Kriegseinsatz.

Ein Kriegseinsatz Putins wäre eine prima Idee angesichts der Tatsache, dass machthungrige Machthaber wie er - seltener sind es Machthaberinnen - andere für sich in den Tod gehen lassen. Die Gefängnisstrafe ist angesichts der Wertegebundenheit der westlichen Länder die probateste Methode, mit Schergen wie Putin abzurechnen. Doch angesichts der Realitäten wird es dazu definitiv nicht kommen. Denn entweder müsste Russland Putin ausliefern oder im Krieg bezwungen werden. Da es sich um eine Atommacht handelt, scheint dies jedoch nicht allzu aussichtsreich zu sein (was nicht gegen einen erfolgreichen Kampf der Ukrainer gegen die Invasoren spricht).

Damit scheidet auch die Guillotine aus. Aber hiervon wäre ohnedies abzuraten. Denn man muss sich nur an den 25. April 1792 erinnern, um zu wissen, dass das auf Rache sinnende Publikum sich bei der Vollstreckung des Todesurteils ohnedies ungläubig in die Augen schauen würde. Geschenkt sei der Hinweis an dieser Stelle, dass sich bei dem Delinquenten nur ein leichtes Kribbeln im Nackenbereich einstellen würde, bevor der Gang ins Jenseits angetreten wird. Und dass es sich bei der Einführung eben dieses Tötungsinstruments ja um die Absicht handelte, ein humaneres Sterben zu ermöglichen.

Wie auch immer. Jedenfalls zeigte sich die Menge im Zentrum von Paris an jenem besagten Tag, als die Guillotine zum ersten Mal nach unten sauste, um Kopf und Körper voneinander zu trennen, erstaunt, ja empört über das Gesehene. Denn man hatte sich ja eigens versammelt, um einem möglichst grausamen Schauspiel beizuwohnen. Die Spannung stieg, als Nicolas Jacques Pelletier aufs Schafott geschliffen werden musste (eine leichte Übertreibung an dieser Stelle, er ging wohl aufrecht und muckte nicht gegen seinen letzten Gang auf). Kaum lag der Kopf in der dafür vorgesehenen Kuhle, rauschte das Beil in Sekundenschnelle herab. Der Fall war erledigt. Das Publikum maulte zunächst, bis sich die Empörung richtig Bahn brach.

Die Art des richtigen Abtritts von der Weltbühne ist auf vielerlei Weise möglich. Auch Elon Musk, Tesla-Chef und Twitter-Käufer, hat nun ein eigenes Instrument des Untergangs ersonnen: Er ließ über sich als Unternehmenschef abstimmen. Die Mehrheit stimmte nun überraschend dafür. Wäre dies nicht ein Wink in Richtung Kreml, es einmal auf diese Weise zu probieren? Es könnte sich lohnen.

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