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Fakten aus postfaktischer Sicht

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Von: Stephan Hebel

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In der Schlammschlacht mit Hillary Clinton ging Donald Trump als Sieger hervor.
In der Schlammschlacht mit Hillary Clinton ging Donald Trump als Sieger hervor. © REUTERS

Der Begriff „post-truth“, auf Deutsch: „postfaktisch“, ist zum internationalen Wort des Jahres gewählt worden. Was sagt uns das?

Dieser Text wird zwingend in die Falle laufen, und da ist er auch schon: Der Begriff „post-truth“, auf Deutsch: „postfaktisch“, ist zum internationalen Wort des Jahres gewählt worden.

Wie Sie sehen, handelt es sich bei dieser Nachricht um eine Tatsachenbehauptung, also um die Inanspruchnahme des Faktischen, und damit ist nicht auszuschließen, dass es sich aus postfaktischer Sicht um eine Lüge handelt. Wer von Ihnen war denn dabei, als die internationalen Redaktionen der „Oxford Dictionaries“ dem Begriff „postfaktisch“ die Ehre gaben? Wer weiß, ob es die Redaktionen der Oxford Dictionaries überhaupt gibt? Sind die BBC, der „Guardian“, der Deutschlandfunk und andere, die die Nachricht verbreiten, überhaupt existent?

Die Kritiker der postfaktischen Gesellschaft, zu der sie in der Regel praktisch alle zählen außer sich selbst, beschreiben das postfaktische Denken als eine von Populisten angewandte Methode, die sich an Gefühlen statt an Tatsachen orientiert. Die Kritiker der Kritiker allerdings, jedenfalls soweit sie nicht selbst Populisten sind, setzen das eine oder andere bedenkenswerte Fragezeichen: „Sind Fakten irrelevant geworden? Zählt nur noch gefühlte Wirklichkeit? Oder ist der Eindruck, dass die Politik ins postfaktische Zeitalter eintritt, auch nur ein Gefühl?“, fragt der Politologe Peter Widmann, und wissen Sie was? Er fragt mit Recht.

Das Ganze hängt natürlich mit dem Brexit und Donald Trump zusammen, denn in der Regel diskutieren wir jetzt so: Die Postfaktischen, das sind die Populisten, die sich um Tatsachen einen feuchten Kehricht scheren, wenn die ihnen nicht passen. So weit: Klare Tatsache, faktisch richtig. Auf der anderen Seite steht dann logischerweise etwas, das man die „Wirklichkeitsgesellschaft“ nennen könnte. Wahrheit und Lüge sind eindeutig verteilt, und genau an dieser Stelle dürfen Sie ruhig misstrauisch werden.

Kleine Eselsbrücke: Wenn Hillary Clinton einem Stahlarbeiter ohne Job in Pittsburgh sagt „Uns geht’s gut“, dann ist das wahr. Wenn Donald Trump demselben Arbeiter sagt „Dir geht’s mies“, dann ist das postfaktisch. So die offizielle Version. Dabei ist es faktisch so: Trump lügt auf Faktenbasis, Hillary nicht. Was war noch mal „postfaktisch“?

Die Oxford-Herausgeber wollen übrigens festgestellt haben, dass der Gebrauch des Wortes „post-truth“ im Jahr 2016 um 2000 Prozent zugenommen hat. Das klingt schlimmer als es ist, denn es heißt nur: Wenn Sie 2015 einmal „postfaktisch“ gesagt haben, haben Sie es 2016 schon 21-mal gesagt, und wenn Sie ehrlich sind: Das haut wahrscheinlich hin.

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