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Das Leben des Angsthasen ist durch die elektronisch lesbare Fahrkarte nicht einfacher geworden.

Times mager

Fahrschein

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Warum hat der Angsthase Angst davor, vom Kontrollteam überrumpelt zu werden, wenn er doch einen Fahrschein zur Hand hat? Ganz einfach: Weil es Gründe zur Genüge dafür gibt. Die Feuilleton-Kolumne.

Die Sorge, womöglich einmal ohne Fahrschein ertappt zu werden, teilt der Angsthase mit vielen Menschen. Der nicht ganz unwesentliche Unterschied ist bloß, dass der Angsthase selbstverständlich einen Fahrschein gelöst hat. Während der Angsthase den Fahrschein in der Hand hält und sich aufmerksam umschaut, weil es jede Minute zu einer Fahrscheinkontrolle kommen könnte und kein vernünftiger Angsthase gerne vom Kontrollteam überrumpelt wird, gickeln die anderen dumm rum, empfangen wichtige Nachrichten oder schlafen. Die meisten von ihnen haben eh einen Fahrschein. Wer keinen hat, gickelt weiter dumm rum, hat wichtige Begründungen für das Desiderat oder blickt bloß schläfrig drein. Immer wieder gelingt dem einen oder anderen beizeiten die Flucht. In bestimmten Straßenbahnen und zu bestimmten Uhrzeiten hat der Angsthase manchen Exodus beobachtet, danach gerade noch er, das Kontrollteam und zwei, drei weitere Hanseln, die entweder einen Fahrschein haben oder nicht kapiert haben, woher der Wind weht.

Aber warum hat der Angsthase Angst davor, vom Kontrollteam überrumpelt zu werden, wenn er doch einen Fahrschein zur Hand hat? Nun, der Angsthase könnte den Fahrschein vor Schreck fallen lassen. Ein starker Luftzug beim Auftreten des Kontrollteams könnte dem Angsthasen den Fahrschein entreißen. Denkbar ferner, dass ein anderer Fahrgast dem Angsthasen den Fahrschein wegschnappen und ihn aufessen könnte. So wurde es in einem ungemein witzigen Kurzfilm dargestellt. Der Angsthase musste darüber ebenfalls sehr lachen, zugleich grauste es ihn.

Aber wäre es im Sinne der gemeinen alten Frau im Film nicht besser gewesen, wenn sie den Fahrschein eben gerade nicht in der Hand gehalten hätte? Das ist ein Argument.

Warum also hält der Angsthase den Fahrschein in der Hand? Selbst der Vater vom Angsthasen sagt ja: Mensch, Angsthasi, nun steck doch mal den Fahrschein weg. Was soll denn passieren?

An vielerlei wäre zu denken. Der Fahrschein könnte aus der Hosentasche rutschen oder geklaut werden, er könnte zwischen die Seiten eines Buches gleiten, sich spontan zersetzen oder durch Zauberei verschwinden. Es ist auch gut, sich anhand des Datums beziehungsweise der Uhrzeit immer wieder einmal versichern zu können, dass der Fahrschein noch gültig ist.

Das Leben des Angsthasen ist durch die elektronisch lesbare Fahrkarte nicht einfacher geworden. Manchmal weiß er nicht ein noch aus. Jeweils eine Minute nach der letzten Selbstkontrolle am Fahrscheinautomaten ist eine versehentliche und unerklärliche Datenlöschung bereits nicht mehr auszuschließen.

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