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Exoten

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Von: Stephan Hebel

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Wie exotisch ist so ein Weinberg?
Wie exotisch ist so ein Weinberg? © epd

Das asiatische Paar, das „Riesling Hochgewächs lieblich“ auszusprechen versucht, wie exotisch mögen wir ihm vorkommen?

Die Welt taumelt durch ihre Krisen, und nirgends spürt man das so deutlich wie dort, wo sie stehen geblieben zu sein scheint. Was sie natürlich nicht ist, aber der gelegentliche Besuch im idyllischen Städtchen am Fluss vermittelt zumindest dem Außenstehenden für Momente den Eindruck, wenigstens hier hätten die Kräfte der Zerstörung keine Chance.

Wie immer ist der Weinstand schon mittags gut besucht. Wie immer bestellt das reife Publikum gleich nach dem Mittagsschoppen seinen Tisch fürs Abendessen – 17 Uhr, bitte –, und wie immer erzählt der Winzer in seiner Wirtsstube vom eigenen Urlaub, als wollte er von vornherein jeden Verdacht ausräumen, das Volk im idyllischen Städtchen bleibe immer nur unter sich. Die Kundschaft hört aufmerksam zu, wenn er von seinen Reisen berichtet, aber Idylle bleibt Idylle, der taumelnde Globus scheint unendlich weit weg, und die Leute aus den großen Städten lassen sich das Gefühl nicht nehmen, nur ein oder zwei Autostunden von zu Hause in eine halb vertraute Oase des Friedens einzutauchen.

Am runden Tisch in der Ecke sitzt die weite Welt in Gestalt eines jungen Paares, das sich in einer offenbar asiatischen Sprache unterhält, die Weinkarte in der Hand. Vor den beiden stehen Teller mit Wurst- und Fleischspezialitäten aus der Region, hin und wieder nehmen sie einen Bissen, während sie Worte wie „Riesling Hochgewächs lieblich“ auszusprechen versuchen.

Unwillkürlich kommt die Frage auf, wie exotisch ihnen diese Umgebung vorkommen muss. Zu gern möchte man für eine Minute in ihre Köpfe eintauchen, um zu erfahren, welchen Mut sie womöglich brauchen, um in eine Wildschweinbratwurst zu beißen. Ist das für sie so ähnlich wie damals für den Deutschen, der in Ecuador einen Bissen Meerschweinchen nahm? Wie für den Verwegenen, der einst gekochten Stierhoden probierte? Und sind sie all das längst gewohnt, weil sie ja, wie der Winzerwirt verkündet, jedes Jahr wiederkommen?

Das freundliche Paar lächelt den Umsitzenden herzlich zu, der Mann sagt jedes Mal auf Deutsch „Danke schön“, wenn der Wirt einen neuen Wein zum Probieren bringt, und jedes Mal fügt er auf Englisch hinzu, er könne nur „Danke schön“ auf Deutsch, was gar nicht stimmt, denn später beim Gehen, so etwa um 20 Uhr, sagt er „Gute Nacht“.

Der Versuch, sich in die Wahrnehmung des Paares zu versetzen, macht Spaß, denn er lässt uns fühlen, was wir längst wissen: Wer fremd ist und wer exotisch, das ist eine Frage der Perspektive. Und immer sympathischer wird uns die Bereitschaft des eben verabschiedeten Paares, sich ein Stück des Fremden genussvoll einzuverleiben.

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