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„Alle Kinder wurden groß, außer einem.“

Times mager

Ewig

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Wann ist man eigentlich alt? Und muss man Peter Pan sympathisch finden?

In Olga Tokarczuks Roman „Die Jakobsbücher“ machen sich die Anhänger Jakobs über die Taufe Gedanken. Was das heiße, niemals zu sterben, fragen sie sich. Und in welchem Alter man jenes ewige Leben denn verbringen werde. Als sich herumspricht: mit dreißig, wird das unterschiedlich aufgenommen. „Die Älteren freuen sich, die Jüngeren sind erschrocken.“ Es ist schon wahr. Als die Friseurin damals aus ihrem lustigen Leben erzählte, ließ sie nicht unerwähnt, dass man das mit dreißig vermutlich anders machen werde. Dreißig klang da wie: vierzig, nein, sechzig, nein, achtzig. Denn das Alter, in dem man es vermutlich anders machen wird, schiebt sich mit einem selbst weiter nach vorne. Bis es so weit ist.

Nur einer entzog sich bekanntlich diesem Fortgang der Dinge beizeiten und auf unchristliche Weise: Peter Pan, Kindskopf im Knäbchenkörper, der nach Neverland gelangte und ernsthaft ein kleiner Junge blieb. Neverland hieß zunächst noch Never-Never-Land, denn es ist wirklich unerreichbar für uns Erwachsene. Daran erinnert nun die Veröffentlichung des handschriftlichen Originalmanuskripts von James Matthew Barries Peter-Pan-Roman, der 1911 zuerst unterm Titel „Peter Pan und Wendy“ herauskam.

Man könne in der Handschrift gut sehen, berichten die, die es schon gelesen haben, wie Barrie einerseits flugs geschrieben habe, andererseits in Richtung Druckfassung doch markante Details modifizierte. Hier das Wörtchen „trotzig“ strich, dort das Wörtchen „verächtlich“, so dass sich Peter Pan in einem anderen Licht zeigte: etwas weniger anstrengend, wild und egoistisch, wie Herausgeberin Jessica Nelson dem „Guardian“ sagte. Sie erinnere das an Mary Shelleys Original-Frankenstein, in dem die Kreatur auch noch dunkler und unmenschlicher (wenn man jetzt Menschen im Prinzip nett findet) gewesen sei. In beiden Fällen ist es interessant, dass nicht erst Boris Karloff und Walt Disney, sondern Autorin und Autor diese Entwicklung einleiteten. Dass Peter Pan eine unheimliche Seite hat, war Barrie, der kein Sentimentaliker war, zweifellos klar. Überhaupt steht die Frage, ob man immer ein Kind sein will, im Raum, und da steht auch schon ein Nein.

Ein berühmter Satz aus dem Roman – „Alle Kinder wurden groß, außer einem“ – klingt übrigens nicht umsonst merkwürdig. Viele Kinder werden schließlich nicht groß. Auch Barries Bruder war 13-jährig gestorben, und Sie können sich also darauf verlassen, dass Barrie sich der Doppeldeutigkeit der Wendung bewusst war.

In den „Jakobsbüchern“ bekommen die Figuren einen kleinen Schreck, als die Ihren dann weiterhin sterben. Sie sind nicht wirklich überrascht, aber es war ihnen ja anders gesagt worden. Der Mensch sitzt in der Falle, und da kommt er nicht raus.

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