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Wähler füllen ihre Stimmzettel aus.

Times mager

Ist die Europawahl wirklich eine „Schicksalswahl“? 

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Ist die Europawahl eine „Schicksalswahl“? Einige Demokraten sind mit dieser populistischen Parole den Populisten entgegengekommen. 

Ist Europa zu einem anderen Kontinent geworden? Hat Europa sich über Nacht verändert, heute Nacht? Hat es sich von seiner jüngeren Vergangenheit verabschiedet, wie in einer Schicksalsnacht? Sind ihm seine Träume abhandengekommen?

Die Europawahlen sind von manchem Demokraten als Schicksalswahl deklariert worden – damit sind Demokraten, weil wohl Argumente als schwach galten, mit einer populistischen Parole den Populisten entgegengekommen. Jetzt steht Europa vor der Situation, ob diejenigen, die in die Verantwortung gewählt worden sind, die Krise Europas weiterhin über die EU-Bürger ergehen lassen, als handele es sich um eine Schicksalsmacht. Denn das ist wohl eines der fundamentalen Probleme Europas gewesen, dass man die Verhältnisse als alternativlos dargestellt hat, wie ein Verhängnis, die Sinnkrise Europas hat laufen lassen wie eine Fügung.

Woher kommt Europa, wohin geht es? Europa ist auch ein Mythos. Derjenige Europas ist weiterhin blasser ausgebildet als der der einzelnen Nationalstaaten. Es ist ein Leichtes, das Wort Mythos als Lüge zu verstehen. Wenn man den Mythos allerdings nicht als stumpfsinnige oder bewusste Irreführung versteht, dann gilt er als eine Orientierung liefernde Erzählung. Sonntagsworte, ja, sicher.

Entstanden einige Stunden vor Schließung der Wahllokale. Über den Tag hinaus beruhte die Langzeitwirkung von Nationalstaaten immer darauf, dass sie anhand der eigenen Geschichte ihre Vorstellungen von der Gegenwart und der Zukunftsgestaltung ausgebildet hat. Identitätsstiftend für eine Nation ist immer eine gemeinsame Erinnerung gewesen, wie lückenhaft auch immer. Würde diese Erinnerung nicht als Gemeinsamkeit behandelt, gäbe es keine Verständigung auf eine Nation. Erst dadurch, dass sich eine Nation auf ein gemeinsames Erbe, wie vielfältig, wie widersprüchlich, wie zerschlissen oder fragwürdig auch immer, verständigt, kommt es zu einem Selbstverständnis der Nation.

Auch darin besteht die Sinnkrise Europa: Dass ein solches Gemeinsames bis heute kaum ausgebildet hat. Dass Europa zu wenig aus einer gemeinsamen Erinnerung lebt. Und dann kommt noch etwas hinzu – was unter gegenwärtigen Bedingungen schwer anzuerkennen ist. Auch wenn es nicht leicht fällt, darauf aufmerksam zu machen, aber die amerikanische Nation hat sich nicht nur im Zeichen einer gemeinsamen Erinnerung immer wieder zusammengefunden. Letzteres geschah stets auch mit Blick auf eine Vision, den amerikanischen Traum, einen Mythos, gewiss, der immer wieder Orientierung geboten hat. Noch in auswegloser und aberwitziger Lage die Alternative: „I have a dream“.

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