Buchmesse Frankfurt
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Die Buchmesse Frankfurt soll trotz Corona stattfinden.

Times mager

Europäisch

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Die Frankfurter Buchmesse traut sich jedenfalls was. Die Feuilleton-Kolumne.

Die Welt wird wieder kleiner, nein, sie sieht aber wieder kleiner aus. Dass in Frankfurt, so sagte es Direktor Jürgen Boos am Donnerstag, nun eine „europäische Buchmesse“ geplant wird, konterkariert natürlich die Hoffnung, dass die sensationelle Nachricht vom Mittwochabend – die Frankfurter Buchmesse findet statt, sie findet statt, sie findet statt – bedeutet, dass die Frankfurter Buchmesse stattfindet, wie wir sie kennen und lieben oder wie sie uns vielleicht auch auf die Nerven geht. Lesen Sie hierzu alle Details auf dem „Thema des Tages“ im Lokalteil.

Faszinierend ist ja vielmehr, dass die nun geplante ganz andere Veranstaltung, die zugleich luftiger und begrenzter sein muss, spontaner und reglementierter, das Gegenteil eines Schrittes zurück in die unsereinem noch vor wenigen Wochen vertraute Normalität ist. Was in Frankfurt geplant wird, ist das Gegenteil von vertrauter Normalität – und Boos’ beiläufige Information, dass bei einer „zweiten Infektionswelle die körperliche Präsenzmesse abgesagt“ werde, ist auch das Gegenteil einer beiläufigen Information. Gerade dieser Anker, der (ausgerechnet im Herbst, einem gegenwärtig dräuenden Wort im seriösen Nachrichtengeschäft) Stabilität und wenigstens Aussicht auf Stabilität bieten soll, erinnert also den kulturinteressierten Menschen daran, dass er sich vielmehr auf höchster See befindet.

Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs sprach am Donnerstag von einem „Labor“ für 2021, für 2022. Auch diese Formulierung wollen wir uns noch einmal auf der Zunge zergehen lassen, oder lieber nicht, oder lieber doch, weil sie zwar verstörend ist, aber zeigt, dass an dieser Stelle – in dieser um die IAA gebrachten Stadt, in dieser um den Bücherfrühling gebrachten Branche – nicht verträumt, sondern sogar relativ illusionslos in die Zukunft geblickt wird.

Obwohl die Planung einer Art von Frankfurter Buchmesse im Oktober 2020 ein Himmelfahrtskommando ist – und wer wird sich ihm anschließen? –, ist es unheimlich vernünftig. Denn wenn alles anders ist und vorerst wohl bleiben wird, soll man sofort anders weitermachen: Machen die Frankfurter eigentlich wirklich anders weiter? Viereinhalb Monate seien es ja noch, sagte Boos, wies aber gleichzeitig auf die aktuell niedrigen Infektionszahlen hin. Nur jeweils ein Aspekt davon kann beruhigen.

Leserinnen und Leser von Büchern wissen, dass die Welt immer nur so klein ist, wie sie betrachtet wird, und dass das Herumfahren auf der Welt allein noch nicht zu ihrer Vergrößerung beiträgt. Bloß bekommt man einen Schreck, weil einige Leute – zum Beispiel die, die Bücher auswählen, herausgeben, schreiben, übersetzen – sich durchaus auf ihr umsehen müssen, damit unsereiner weiter auf dem Sofa liegen kann und alles mitbekommt. Das aber müsste doch zu machen sein. Hier wird ein Versuch gestartet.

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