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Pius II. ist es, der einen „heiligen Krieg“ zum Anlass nimmt, um das Wort Europa wieder in Umlauf zu bringen.

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Europa

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Das antike Wissen sank ab, bis es in der Welt um 1500 zur Europa-Renaissance kommt.

Der Humanismus hat einen guten Ruf als Wiederentdeckungsbewegung. Sie schaut um 1500 weit zurück, denn sie orientiert sich an der Antike. Zur Neugier zählt ein unbefangener Blick. Groß, so wird festgestellt, ist das Reservoir an heidnischen Autoren. Bemerkenswert ist die Unbefangenheit gegenüber der partout nicht christlichen Perspektive dieser Schriftsteller. Den Humanismus muss man schon bald so verstehen, dass er nicht an dem Gängigen und Naheliegenden interessiert ist, während er eine neue Welt erschließt. Diese Welt ist eine, die aus Gedanken und Ideen gemacht ist.

Florenz, in vielerlei Hinsicht keine gewöhnliche Stadt, erlebt die Wiederentdeckung der antiken griechischen Texte im Zuge von Flucht und Vertreibung. Der Andrang des Wissens ergibt sich durch die osmanische Expansion, angefangen mit der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453. Der Untergang des oströmischen Reichs ist nicht nur für Ostrom ein Desaster. Auch in den nachfolgenden Jahrzehnten ist es die Eroberung der Osmanen, die Wissen in Bewegung setzt.

Der Wissenstransfer von Südosten nach Westen ist auch eine Migrationsgeschichte. Bedeutend auf diesem Wege wird die Balkanroute. Dass die Migration zur europäischen Wissensgeschichte gehört, ist dem europäischen Gedächtnis stark entfallen. Der Gedächtnisverlust betrifft überhaupt eine Zeit vor rund 500 Jahren, als sich Europa selbst entdeckt, wiederentdeckt, nachdem es schon einmal, 2000 Jahre zuvor, zur Zeit der Griechen ergründet wurde.

Dieses antike Wissen sank ab, bis es in der Welt um 1500 zur Europa-Renaissance kommt. Dafür sorgen allein schon die Europakarten, auf denen Jerusalem, auf den Karten des Mittelalters noch das Zentrum der Welt, zur Peripherie wird (oder gar verschwindet). Nicht Jerusalem hat der Renaissancepapst Pius II. im Visier, als er 1460 zu einem weiteren Kreuzzug aufruft – vergeblich zum Feldzug gegen die Osmanen mobilisiert.

Pius II. ist es, der einen „heiligen Krieg“ zum Anlass nimmt, um das Wort Europa wieder in Umlauf zu bringen. Zur mentalen Wiederentdeckung gehört, dass sich Europa militärisch neu aufstellt. Natürlich hat die Entdeckung Europas auch mit derjenigen der ganzen Welt zu tun, mit der europäischen Expansion, der Überschreitung der bis dahin gekannten Horizonte. Hinzu kommt, dass nicht nur hinterm Horizont die osmanische Aggression verharrt. Die Erschaffung Europas während der Hochkonjunktur des Humanismus ist ohne weiteres eine richtig bittere Lektion.

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