Ehe man anfängt, jedes Jahr in die Weinberge zu fahren, um dort abgeschieden und virengeschützt Ferien zu machen und regionale Rieslingwinzer tief ins Herz zu schließen, weiß man gar nicht, dass es sie gibt: Weinbergs-pfirsiche.
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Ehe man anfängt, jedes Jahr in die Weinberge zu fahren, um dort abgeschieden und virengeschützt Ferien zu machen und regionale Rieslingwinzer tief ins Herz zu schließen, weiß man gar nicht, dass es sie gibt: Weinbergs-pfirsiche.

Times mager

Essig

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Alles Essig? Beileibe nicht. Von köstlichen Weinbergpfirsichen und ihrem Fugen-S.

Über das Fugen-S gehen die Meinungen stark auseinander, etwa in dem Begriff Weinbergs-pfirsich. Vor allem digital. Sofort (nach 0,48 Sekunden) wird man obergescheit ermahnt: „Meintest du: weinbergpfirsich“, und zwar unter Auslassung der respektvollen Anrede (wenn schon du, dann ja wohl wenigstens Du), der gängigen Großschreibung (soll das etwa ein Adverb sein? „Du fehlst mir so, seufzte er weinbergpfirsich“?) und des korrekten Finales einer Frage mittels des dafür vorgesehenen Satzzeichens.

Nein, ich meinte Weinbergs-pfirsich. Es ist auch noch nicht das letzte Wort darüber gesprochen worden, ob es womöglich sogar Weinbergspfirsichsmarmelade heißen muss. Oder Weinbergspfirsichsessig.

Um jene abzuholen, die damit gar nichts anfangen können: Der Weinbergspfirsich ist der Pfirsich des – nein, nicht des kleinen Mannes, sondern im Gegenteil, des hohen Weinbergs, auf dem er wächst. Ehe man anfängt, wie Süchtige jedes Jahr in die Weinberge zu fahren, um dort abgeschieden und virengeschützt Ferien zu machen, Freunde der Mauereidechsen zu werden und regionale Rieslingwinzer tief ins Herz zu schließen, weiß man gar nicht, dass es sie gibt: Weinbergs-pfirsiche.

In Jahren wie diesen, die Urlaubsreisen in entfernte Gefilde besonders abwegig erscheinen lassen, landet man durchaus drei Mal in demselben Weinberg. Lässt unten Schiffe vorbeiziehen, oben Fledermäuse. Wandert durch einst florierende Zentren des Weinbaus, die heute bröckelnde Fassaden zeigen. Der Tanz ist aus, manch Straußwirtschaft für immer geschlossen. Danke, Discounterwein.

Was bleibt, ist immer noch die Knochenarbeit der Winzer für traumhafte Produkte, darunter die tiefrote Marmelade aus dem Pfirsich, der keine Höhenangst kennt. Riesling-Hochgewächs, Steillage, und daneben der tapfere Obstbaum. Was ebenfalls bleibt, sind liebenswerte Kolleginnen, die sich plötzlich als Kennerinnen ebendieser Gegend erweisen, indem sie anregen: „Bring doch bitte vom Weingut D. in E. einen Weinbergpfirsichessig mit, der beste Essig meines Lebens.“

Das sind die Momente, in denen Weichen gestellt werden, denn selbstverständlich muss dieser Essig sogleich einer persönlichen Prüfung unterzogen werden. Was soll man sagen: delikat. Aber ohne Fugen-S? Wenn’s die kluge Kollegin sagt …

Auf der Flasche steht „Weinbergpfirsich“, darunter „Balsam Essig“. Da fehlen doch zwei Fugen-Bindestriche! Auch wenn das ein wenig überkandidelt aussähe auf einer eleganten Essigflasche. Vielleicht doch in einem Wort, einfach rund um die Flasche herum? Wieso nicht. Und was das Fugen-S angeht: Es heißt schließlich auch Semmelnknödeln.

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