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Zum Fußballfeld am Strand gehören drei Tore und zwei Bälle.

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Erziehung

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Fundamentale Fragen zur Gesellschaft – was ist hier los und warum?

„Erziehung ist ein großes Wort, das man in Bücher und Informationsbroschüren schreiben kann. Im wirklichen Leben geben alle, was sie können.“ Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder.

Zum Fußballfeld am Strand gehören drei Tore und zwei Bälle. Trotzdem haben die meisten Beteiligten eine Vorstellung von den Regularien. Vor allem die beiden Väter, um die sich eine wachsende Gruppe extrem kleiner Jungen sammelt. Das ist zwanglos, zugleich gibt es schon eine Art Zuteilung zu einer von ungefähr zwei Mannschaften. Durch die Väter, die wirklich eine Vorstellung von den Regularien haben, kommt es zu Eck- und Strafstößen. Für Außenstehende sind das zum Teil empörende Willkürentscheidung, aber die kleinen Jungen sind allemal dabei, wenn die Väter ansagen. Man könnte sagen, dass auf diesem rührenden, meist ignorierten und auch temporären Wunsch von Kindern, alles richtig zu machen, die industrielle Revolution in England basiert. Allerdings ist es auch nicht wesentlich, weil aus Standardsituationen hier niemals ein Tor erzielt wird. Die Tore sind zwar zu dritt, aber auch sehr klein. Der Ball macht, was der Sand, nicht was der Vater will. Alle sind aber sportlich und geduldig.

Szenen der Menschheitsgeschichte

So geht es eine ganze Weile, bis einer der kleinen Jungen einen anderen kleinen Jungen haut, woraufhin der andere kleine Junge mit Sand nach dem hauenden Jungen wirft, weshalb die Väter zeitgleich sagen, hier werde auf keinen Fall mit Sand geworfen, was jetzt aber die anderen kleinen Jungen darauf bringt, auch einmal mit Sand zu werfen, während der zuerst beworfene Junge merkt, wie groß das Unrecht ist, das ihm angetan wurde, und zu weinen anfängt, und noch ein zweiter Junge fängt zu weinen an sowie auch ein unbeteiligtes Mädchen, das noch kleiner ist als alle anderen und ebenfalls Sand abbekommen hat. Jetzt ist das Geschrei kurz groß. Man erfährt beiläufig, dass der hauende Junge Konstantin heißt und der, der zuerst mit Sand geworfen hat, Karl.

Letztlich sind solche Szenen, auch wenn Menschheitsgeschichte sie umweht, schwer einzuschätzen. Weniger schwer einzuschätzen scheint der große Gesellschaftsroman „Wie später ihre Kinder“ von Nicolas Mathieu, der 2018 den Prix Goncourt gewonnen hat und bis Seite 177 einen tatsächlich ausgezeichneten Eindruck macht. Fundamentale Fragen zur französischen (und westeuropäischen) Gesellschaft – was ist hier los und warum? – beantwortet er auf jene Art, in der nur Fiktion die Realität erklären kann. Weil er erst Ende August auf Deutsch erscheint, kein Wort mehr an dieser Stelle.

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