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Erschöpft

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Von: Stephan Hebel

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Das Wiener „Kabarett Simpl“ hat 2021 eine ganze Revue „Die Krone der Erschöpfung“ genannt.
Das Wiener „Kabarett Simpl“ hat 2021 eine ganze Revue „Die Krone der Erschöpfung“ genannt. © Ernst Weingartner /Imago

Das haut dem Fass die Krone der Erschöpfung raus: Über Wortspiele, die sich derzeit häufen.

Als der Vortragsredner sagte, der heutige Mensch scheine ihm mehr „Krone der Erschöpfung“ als „Krone der Schöpfung“ zu sein, ging ein Lachen durch den Saal, und glauben Sie es bitte: Die meisten Anwesenden hielten das Wortspiel für eine gelungene Erfindung des Vortragsredners.

Später am Tag quittierte die wunderbare T., die dem Vortrag nicht beigewohnt hatte, die Wiedergabe des Wortspiels mit vollkommen unbewegtem Gesicht. Zur Erläuterung ließ sie wissen, dass sie es gerade zum Zeitpunkt des Vortrags im Text einer anderen Autorin gelesen habe. Das war schade, denn wer ein lustiges Wortspiel wiedergibt, erwartet eigentlich ein herzliches Lachen und nicht so ein „Kenne ich schon“-Gesicht.

Es ist sogar noch schlimmer: Das Wiener „Kabarett Simpl“ hat 2021 eine ganze Revue „Die Krone der Erschöpfung“ genannt (Untertitel: „Eine Erholung in zwölf Massagen“), und, Verschweigen hilft nichts: „Die Krone der Erschöpfung“ hieß auch ein Buch des Comedians Chris Boettcher. Erscheinungstag: 24. Januar 2011.

Ja, das ist demütigend, über derart alte Witze zu lachen, aber andererseits, wie eine nahe hessische Verwandte immer sagte: Da geht’s de Mensche wie de Leut’. Und außerdem ist es wohl kein Zufall, dass sich die Verwendung der Phrase in diesen Tagen zu häufen scheint. Die Verbindung von Krisen Nummer ein bis x, Zukunftsangst und Herbst ist nun mal nicht gerade das, was die Lebensgeister weckt.

Oder vielleicht doch. Da blättert man, durchaus erschöpft, in älteren Unterlagen und schon lacht einem der Titel „Die Hoffnung liegt in der Erschöpfung“ entgegen.

Er steht über einem Text der Philosophin Eva von Redecker, der seinerseits auf einem Vortrag in der Reihe „Turbulente Psyche(n)“ basiert. Dem „patriarchalischen Wunschdenken, dass die einzige Realität die Kraft der Waffen sei“, entgegnet von Redecker: „Der feministische Ausweg läge hingegen in der Erholung, der Regeneration, im Retten und Schützen von Leben, in der Verhinderung von Krieg und im Widerstand“. Und seien Sie sicher: Mit „Erholung“ sind keine Massagen gemeint, jedenfalls nicht nur.

Ein kleines Plädoyer, zwei Seiten gerade, aber ein großes Projekt: „Die aus der Erschöpfung entstehende Sehnsucht nach Erholung scheint mir ein sehr guter Ansatzpunkt für eine feministische Revolution, (…) eine Revolution für das Leben“, hinaus aus der im Kapitalismus vorherrschenden „Sachherrschaft“, die uns bekanntlich Tag für Tag in vermeintlichen Sachzwängen begegnet.

Ein Aufbruch aus Erschöpfung, ein Aufbruch aus der Erschöpfung. Merken Sie, wie da ein bisschen Zukunft in unseren ganzen Schlamassel leuchtet?

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