1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Erpel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stephan Hebel

Kommentare

Erpel (links) und Ente (rechts). Das haben Sie natürlich sofort erkannt.
Erpel (links) und Ente (rechts). Das haben Sie natürlich sofort erkannt. © Horst Ossinger/dpa

Am Fluss beim Ball der einsamen Erpel, wo selbst ein Naturbanause wie Sie sich endlich einmal auskennt.

Stellen Sie sich vor, Sie erwischen ein bisschen schönes Wetter. Sie spazieren an dem kleinen Fluss entlang, der wie schlendernd die kleine Stadt durchfließt, bevor er die größere Stadt erreicht, aber auf der Wiese, wo sonst die Enten lagern, liegt keine einzige Ente. Warum? Sie gehen um die nächste Ecke, und schon haben Sie die Antwort.

Auf einer Bank sitzt eine alte Dame, und neben ihr sitzt ein Erpel. Vor ihr: eine Enten-Demo, wie sie die kleine Stadt wahrscheinlich auf so engem Raum noch nie erlebt hat. In der kleinen Stadt gibt es sowieso wenige Demos, auch wer hier spazieren geht, tut das nicht, um irgendeinen Schwachsinn über Impffaschismus herauszubrüllen, sondern höchstens, um den Enten beim Friedlichsein zuzuschauen. Was sie allerdings auch nicht immer sind, ein paar Erpel tänzeln leicht aggressiv um ein Weibchen herum, das offensichtlich schon vergeben ist.

„Ball der einsamen Erpel“, sagt Ihre wunderbare Begleiterin mit Blick auf die bunten Kerle. Und Sie freuen sich mal wieder, dass selbst ein Naturbanause wie Sie, der kaum eine Amsel von einem Spatz unterscheiden kann, bei Enten beiderlei Geschlechts immer erkennt, wer der Kerl ist und wer nicht, weil sie sich so schön unterscheiden. Dem „Sexualdimorphismus“ sei Dank, denken Sie keineswegs, denn den Fachausdruck lesen Sie zum Glück erst später bei Wikipedia, so ein Wort hätte das ganze Idyll zerstört.

Nun stehen sie also alle (die Enten und die Erpel) vor der Frau, die auf der Bank sitzt, in der Hand ihre Brotkrumen-Tüte, neben sich einen Erpel, der sich nur langsam in die Demo unten einreiht, als die zwei Fremden (die Menschen) sich nähern. „Der hat früh seine Mutter verloren“, sagt die alte Dame und zeigt auf den Erpel, der eben noch neben ihr saß. „Ich habe ihn aufgezogen.“ Und hat sie nicht noch einen Namen genannt, „Das ist Hardy“, oder so? Schwer zu sagen, sie spricht leise, als hätten die Enten und Erpel zu empfindliche Ohren, in schönem Deutsch, aber mit schwer identifizierbarem Akzent.

Zwischen den Stockenten nebst Erpeln steht ein Mandarinenten-Männchen, was offenbar niemanden in der Demo stört, stockentenseitig herrscht Toleranz, es ist halt wirklich keine dieser Menschendemos unserer Tage, oder die Konzentration auf die Brotkrumen-Frau geht vor.

Die Dame sagt, sie gehe sehr, sehr gern zu den Enten, gerade jetzt, in Corona-Zeiten, wo man doch sonst so wenig unter Leute komme. Da müsse man sich eben anders vergnügen, „sonst geht das Dach auf den Kopf“. So ähnlich muss der Stockenten-Akzent für das Mandarinenten-Männchen klingen oder umgekehrt, aber wen stört das schon.

Auch interessant

Kommentare