+
Irgendjemand hat über Ulrich Tukur einen sehr großen Talente-Topf ausgeschüttet, und der Mann weiß den Segen zu nutzen.

Times Mager

Erlesen

  • schließen

Ulrich Tukur sagt, er sei „ein Fluchttier“, die Zuhörer sollten ihn stoppen. Aber dann ist das überhaupt nicht nötig.

Wer ihn als Kommissar Murot (gerade wieder) erlebt hat; wer seine Musik kennt; wer gehört hat, wie er mit der gewaltigen Modulationsbreite seiner Stimme „Moby Dick“ vorliest, nein: spielt; wer ihn in Talkshows beim Charmieren und Formulieren bestaunt hat; wer all das genossen hat, dem bleibt der Neid im Halse stecken. Irgendjemand hat über Ulrich Tukur einen sehr großen Talente-Topf ausgeschüttet, und der Mann weiß den Segen zu nutzen.

„Ich kann viele Sachen halb“, hat Tukur kürzlich im Fernsehen gesagt, aber das war ein bisschen viel kokettierende Bescheidenheit. Und das von einem, der meistens originäre Bescheidenheit ausstrahlt, wie das nur die Selbstbewussten können.

Nun musste es ja so kommen, dass Ulrich Tukur auch noch einen Roman geschrieben hat, „Der Ursprung der Welt“ (Fischer), und daraus hat er dieser Tage vorgelesen. Schauplatz war die katholische Pfarrkirche St. Marien in Bad Homburg vor der Höhe, dem gediegenen Städtchen am Taunushang. Ein riesiges neugotisches Gebäude. Gut gefüllt die schmalen Bänke, die die Gläubigen und alle anderen Sünder schon durch ihre Konstruktion schmerzhaft lehren, wo der Bußhammer hängt.

Die Akustik der Kirche: so mächtig wie der ganze Bau. Eine Aufgabe für jeden Organisten, der (Entschuldigung:) höllisch aufpassen muss, dass ihm die Tonfolgen nicht verschmieren. Gefährlich auch für den Lesenden, der nie wissen kann, wann der Nachhall des einen die Bedeutung des nächsten Wortes verschluckt. Wenn er zu schnell lese, sagt Tukur, möge die Gemeinde ein Signal aussenden, er sei ein „Fluchttier“ und neige zur Eile. Aber es geht. Es geht gut.

„Was kann der eigentlich nicht?“, raunt die liebe Sitznachbarin, und sie meint nicht nur den Inhalt des Roman-Erstlings, auf den hier nicht näher einzugehen ist. Sie meint vor allem den wieder anderen, wieder neuen Tukur, der sich beim Lesen des eigenen Textes zeigt.

Es ist, als wäre für diese 70 Minuten der Schauspieler aus dem Autor gefahren. Er liest leise, wie leicht gehemmt. Nicht nervös, aber eben auch nicht so wie kürzlich bei „Moby Dick“, als die Lesung selbst sich mit dem gelesenen Werk zu einem eigenen Werk verband. Fast ängstlich knetet er die Notizen, die er sich zum Ablauf gemacht hat. Es ist, als hätte Tukur das Gefühl, den eigenen Text nicht noch mit seiner Schauspielkunst aufladen zu können (zu dürfen?), als müsse er sich das Buch selber erst „erlesen“. Sein Werk ist ja schon getan, und der Autor liest, als wolle er es nicht übertönen.

Oder ist er fähig, auch das zu spielen? Eine fast beunruhigende Vorstellung, aber vielleicht war er auch nur erkältet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion