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Auf dem Camlica-Hügel steht die gleichnamige Moschee.

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Erdogans Megamania

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Recep Tayyip Erdogan investiert in Symbole. Enorm ist womöglich nicht in jedem Fall das richtige Wort, vielleicht trifft mega es besser: Megaflughafen, Megamoschee.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan möchte, dass Europa und die Welt nicht wegschauen. Er investiert in Symbole, er betreibt aber nicht nur Symbolpolitik, ob er nun einen enormen Flughafen bauen lässt oder eine nicht weniger enorme Moschee. Enorm ist womöglich nicht in jedem Fall das richtige Wort, vielleicht trifft mega es besser: Megaflughafen, Megamoschee. Seiner Türkei soll man unbedingt bereits auf einige Entfernung hin ansehen, was von ihr zu halten ist als Staat.

Dieser wird mit harter Hand Erdogans heiligem Andenken geweiht. Was diese Hand angeht, gilt das auch für eine bald fertiggestellte Moschee, ein Bauwerk auf dem Camlica-Hügel. Der Name Camlica-Moschee drängt sich also auf. Wenn man zudem Erdogans megamonumentalen Regierungspalast vor Augen hat, ist naheliegend, dass auch die Moschee gigantische Ausmaße haben muss, die pompösesten seit der Gründung der im Grunde säkularen Türkei 1923. Angesichts des unmittelbaren Zugriffs Erdogans verwundert der Monumentalismus ebenso wenig wie ein neo-osmanischer Baustil. Ob eine harte Hand einen Baustil schmückt, sei dahingestellt.

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Sechs Minarette wird die Moschee haben – die Dominanz der großen Moschee in Mekka mit neun Minaretten bleibt unangetastet. Die Höhe der Türme ist auf exakt 107,1 Meter berechnet worden, das geschah ganz bewusst. Schon für eine seiner Sommerresidenzen schrieb Erdogan einen Entwurf von genau 1071 Quadratmetern vor. Eine für den Autokraten magische Zahl, monumental erinnernd an die Schlacht von Manzikert, bei der im Jahr 1071 die seldschukischen Türken ein Heer der christlichen Byzantiner vernichteten, Anatolien in Besitz nahmen, woraufhin der Islam dort mit harter Hand regieren konnte.

1071 ist das Datum, auf das die Erinnerungspolitik Erdogans nicht nur friedfertig zielt. An die türkische Jugend gerichtet, erklärte er das Jahr 2071 zum Jubeljahr. Manzikert, heute Malazgirt, ist für Erdogan der Erinnerungsort, an dem Glaube und Gewalt im Islam zu einer (weiteren) Einheit verschmolzen. Ob private Residenz oder religiöses Prestigeobjekt: Erdogans Vorgehen als großer Staatsmann ist nicht bloß auf eine harmlose Vereinigung von Herrlichkeit und Heiligkeit gerichtet. Da er sich ganz als Sultan fühlt, ist Erdogans Strategie auf eine Sakralisierung der osmanischen Geschichte gerichtet.

Mit den 107,1 Meter hohen Minaretten geht es in Erdogans Moscheepolitik um eine Ausweitung der Kampfzone. Dass Heiligtümer Gebilde sind, die der Geschichtspolitik dienen, ist Megamittelalter. Dem enormen Erdogan beliebt es, dass Europa sich vor ihm fürchtet.

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