Times mager

Erdaufgang

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Wenn man ehrlich ist, entwickeln sich die Dinge häufig ungemein banal, selbst wenn es um das wirklich große Ganze geht.

Das Alter war ihr nicht anzusehen, damals bereits nicht, und das ist nun auch schon 50 Jahre wieder her, seit dem Tag, an dem das Team der „Apollo 8“ eine Aufnahme von der Erde machte – das Bild der Erde, wie sie ruhte, als ruhe sie in sich, eingehüllt in ewige Nacht, in eine universale Ursuppe. Sie, die Erde, er, der blaue Planet, schwebend über einem Ausschnitt vom Mond.

Wir staunten, wir waren Kinder, wir schauten auf, abends gerne zum Mond. Seit dem 24. Dezember 1968 staunt, wie schon die Astronauten bei ihrer Umrundung des Mondes in jenen Weihnachtstagen, die Menschheit, schaut mit anderen Augen auf die Erde. Beim nagelneuen Anblick waren auch wir Kinder von dem Tag an dabei, an dem wir ein Poster vom „Earthrise“ an die Hobbyraumtür hefteten. Warum Hobbyraumtür? Lag’s womöglich daran, dass die Raumfahrt als ein eher abenteuerlicher Zeitvertreib der Amerikaner wahrgenommen wurde, eher als eine unverschämt lässige Abschweifung ins All und nicht als knallharter Wettlauf zum Mond, als kalter Weltraumkrieg gegen die Sowjetunion.

Ausgerechnet also an einer Kellertür ging die Erde auf, sobald man die Tür wieder hinter sich schloss, während das Kellerlicht aufflackerte. Die Erde tat es dort mehrere Jahre, der Kellerraum wurde umgewidmet, so dass das Bild der Erde wanderte, schließlich eine Bleibe hinter der Tür bekam, neben einem Nagel für ein ausrangiertes Kleidungstück. Denn das Poster war nicht mehr schön.

Auch schien die Erde entdeckt, fast erschien sie ein wenig langweilig geworden. Immerhin aber drehte sich der Erdball weiter, und mit ihm die Erkenntnis, die der Philosoph Günther Anders bereits 1970 gehabt hatte, festgehalten in seinem Buch „Der Blick vom Mond“. Erstmals, mit dieser neuen Perspektive, sei es dazu gekommen, „dass die Erde, vor einem Spiegel stehend, reflexiv wurde, dass sie zum Selbstbewusstsein erwachte, mindestens zur Selbstwahrnehmung“.

Man könnte jetzt weit ausholen in der Betrachtung über die Erde, animiert auch durch Stanley Kubricks Weltraumodyssee „2001“. Langsam, von links, während der blaue Planet auf der rechten Seite in seiner kosmischen Ursuppe schwimmt, nähert sich eine weitere Kugelgestalt, ein Embryo in seiner Fruchtblase.

Was für ein Bild von der Erde – doch wenn man ehrlich ist, entwickeln sich die Dinge häufig ungemein banal. Denn das Poster von der Erde war nicht mehr ansehnlich, der blaue Planet ausgeblichen, die Erde hatte zwei, drei Risse bekommen – eines Tages waren die Tage gezählt. Ein kleiner Griff zum Poster, ein großer Griff zur Erde.

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