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Blick’ nicht so verkniffen!

Times mager

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Auf der Konsole ein Gesicht, runde Augen, breiter Mund, dicke Backen: Begegnung an einer Kirchenfassade von M. Die Feuilleton-Kolumne.

Schau besser nicht so hin. Denn er beobachtet uns schon die ganze Zeit. Wer jetzt, wo? Er da. Wer er? Geht’s vielleicht ein wenig präziser. Es gibt überall auf der Welt ein links und rechts, ein oben und unten.

Also oben links, denn wanderte jetzt der Finger sonst dorthin, die Marmorfassade entlang, den Pilaster hoch, bis zum unteren Rand der Rosette. Vier Augen folgen einem Zeigefinger, deinem. Der Zeigefinger macht neben der Fensterrose eine rotierende Bewegung, erst größere, dann immer kleinere Kreise. Das machst du extra, halt doch mal still. Stille, als wollte der Finger innehalten, dann sticht er zu. Augenbrauen ziehen sich zusammen, der Blick noch fester, ebenfalls stechend jetzt der Blick. Na? Tatsächlich auf der Konsole ein Gesicht, runde Augen, breiter Mund, dicke Backen. Jetzt werd’ mal nicht sofort blass, es gibt schlimmere Gesichter, hier sowieso.

Es existieren sogar Fratzen. Damit hatten die Steinmetze beim Bau dieser Kirche kein Problem. Unholde gehörten zum Bauschmuck auch der lombardischen Romanik, hier, an der Uferpromenade von M. Aber was heißt heute schon Promenade. Auf der Uferstraße der westlichen Gardesana Auto an Auto, Stoßstange an Stoßstange. Schau vielleicht einfach mal nicht hin. Muss man nicht, das hört man. Schleichende Annäherung eines Aston Martin also. Auf einen Aston Martin kommen pro Stunde drei bis dreieinhalb Maserati und alle fünf bis sieben Minuten ein Porsche. Einen Porsche hört man auch sofort. Pro Stunde zehn Mal Porschesound ist zu viel, soviel zur Inflation.

Blick’ nicht so verkniffen, jetzt siehst du fast schon aus wie der Mensch, dort links, von oben herab. Der muss mit seiner mürrischen Miene doch irgendwo hergekommen sein, als ihn um 1130 ein lombardischer Steinmetz aus Marmor schuf. Das ganze Mittelalter war von verdrießlich dreinschauenden Menschengesichtern bevölkert, von Fratzen und Unholden. Marschiert man in die Kirche herein, dann sieht man an den phantastischen Kapitellen nicht nur Weidenzweige, wilde Tiere, darunter einen Löwen, sondern bösartige Fabelwesen. Die Kapitelle sind nicht nur von erlesenster Meisterschaft, die Meister meißelten aus dem Marmor eine erschreckende Höllenbrut.

Was für eine Ausgeburt an Aberglauben. Seit 900 Jahren betrachtet das Menschengesicht an der Fassade von S. Andrea in M. ungerührt alles, was sich unter seinen Augen tut. Nichts aus der Sicht des lebensgroßen Kopfes ist für ihn Luft, nicht die Bucht, nicht der See, nicht der ganze Verkehr. Er sieht alles, im ganzen Gewimmel jedes Gesicht, das erbleicht.

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