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Ente

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Von: Stephan Hebel

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Selbst Fußballschauende erkennen inzwischen die kyrillischen Zeichen für „MIR“, was sowohl im Ukrainischen als auch im Russischen „Frieden“ heißt - wie hier bei der Partie Frankfurt-Sevilla.
Selbst Fußballschauende erkennen inzwischen die kyrillischen Zeichen für „MIR“, was sowohl im Ukrainischen als auch im Russischen „Frieden“ heißt - wie hier im Frankfurter Stadion. © Arne Dedert/dpa

Fußball im Fernsehen, die bevorzugte Ablenkungsmaschine. Aber was hat das mit einem Erpel zu tun? Die Kolumne „Times mager“.

Der Tag war grau gewesen, grau auch der Farbton der Gespräche, die um diesen seltsamen Kontrast kreisten zwischen dem Drang nach Wohlstandsnormalität und dem verdunkelnden Schleier von Krisengefühl und Zukunftsangst. Am Abend dann Fußball im Fernsehen, die bevorzugte Ablenkungsmaschine, gebaut aus Spannung, Geld und Siegen, die keine Menschenleben kosten.

„M??“, selbst Fußballschauende erkennen inzwischen die kyrillischen Zeichen für „MIR“, was sowohl im Ukrainischen als auch im Russischen „Frieden“ heißt. In jedem Stadion findet sich das Wort, so viel Ablenkung von der Ablenkung erlaubt sich selbst der geschäftlich-mediale Fußballkomplex mit den ihm angeschlossenen Sportvorführungen.

Kurz kam die Idee auf, die eine Mannschaft werbe sogar auf ihren Trikots für den Frieden. Das war aber ein Missverständnis, denn da stand „MHP“, nicht „M??“, und das sah zwar so ähnlich aus, war aber etwas ganz anderes, nämlich ein Unternehmen, das – „Unser Antrieb, unser Purpose“ – als „Digitalisierungspionier in den Sektoren Mobility und Manufacturing“ und sogar als „Premium-Partner für Thought Leader auf dem Weg in ein Better Tomorrow“ für sich wirbt, was ja nicht heißen muss, dass es außer unfassbarem PR-Gelaber nicht auch sehr wichtige und nützliche Dinge beherrscht.

Die „Konferenz“ im Fernsehen (es wurden mehrere Spiele gleichzeitig übertragen) nahm langsam Fahrt auf, und in Mannheim wurde Marc Schnatterer eingewechselt, was es dann doch ermöglichte, kurz über harmlose Fragen zu reden: Ob Herr Schnatterer als Kind „Erpel“ gerufen worden sei oder doch „Ente“; ob „Ente“ nicht besser sei, weil dann der Vergleich mit dem noch legendäreren Fußballkollegen Willi „Ente“ Lippens naheliege; und, rasantes Umschalten, neues Thema: Erinnerst du dich an die Peking-Ente?

Ja, vor allem an den Mann, der sie im Chinarestaurant am Tisch zubereitete: Mit rituellen Bewegungen Handschuhe überstreifend, sein Messer zückend, wie in Kampfhaltung kurz innehaltend, als wolle er der längst gebratenen Kontrahentin in die samt Kopf und Hals nicht mehr vorhandenen Augen schauen, um abzuschätzen, ob sie noch einmal angreift. Dann mit raschen, geschwungenen Bewegungen erst die Haut, dann das Fleisch servierend.

Der Fußballschauende sagte zur Fußballschauenden, später bei einer halben Ente sei das Ritual fast noch beeindruckender gewesen, da ja eine eventuelle Gegenwehr noch unwahrscheinlicher gewesen sei als bei der ganzen. Oder nicht doch genauso unwahrscheinlich?, entgegnete die Zuschauende, und dann gewann die Mannschaft des Herzens. Aber der nächste Tag begann wieder grau.

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