+
Wenn die Erbengeneration plötzlich viel Geld ausgibt, rettet sie dann den Kapitalismus?

Times mager

Enkel

  • schließen

Kann der Kapitalismus noch gerettet werden? Indem, zum Beispiel, die Erbengeneration bald ganz viel Geld ausgibt?

Im Kaffeehaus war die Stunde der Makroökonomie gekommen, denn Stammgast R. hatte eine berechtigte Frage aufgeworfen: Rettet die Erbengeneration den Kapitalismus?

Genau genommen hatte Stammgast R. die Frage nicht gestellt, sondern beantwortet: In den kommenden Jahren, so gab er einen Zeitungsartikel treffend wieder, werde in Deutschland sehr viel Vermögen vererbt. „Das rettet den Kapitalismus.“

Diese Theorie leuchtet auf der Stelle ein. Man stelle sich nur vor, wie Millionen wohlhabende Alte, den nahenden Tod vor Augen, ihre versteckten Schatullen testamentarisch öffnen und eine unvorstellbare Menge Geld unter der Jugend verteilen.

Das Times mager kann als Anhänger der nachfrageorientierten Denkschule garantieren, dass die jungen Leute, kaum sind die Alten verblichen, das Land in einen Konsumrausch versetzen werden. Autos kaufen sie zwar nicht, wie man hört, I-Watch ist ökonomisch blöd, weil aus Amerika, aber irgendetwas werden sie schon finden, Deutschland soll ja in veganem Gänsebraten führend sein, von Grillzubehör zu schweigen.

Die Folgen liegen auf der Hand: Es brummt die Produktion, Myriaden von Arbeitsplätzen sind auf ewig gesichert.

So weit war alles klar, nur Co-Stammgast J. hatte einen gewichtigen Einwand: „Das wird garantiert nichts, wegen Enkeltrick.“ In staunende Gesichter blickend, erläuterte Co-Stammgast J., heute werde „jede zweite Oma mit dem Enkeltrick abgezogen“, das stehe regelmäßig in der Zeitung. Wo, bitte, solle es da noch etwas zu vererben geben?

Jemand wandte von der Seite ein, wenn es doch nur um jede zweite Oma gehe – Opas, nehme er an, seien in die Rechnung bereits einbezogen –, dann werde die andere zweite Oma (Opa) logischerweise nicht abgezogen und könne in aller Ruhe das vererben, was sie (er) sich, wie Stammgast R. es formuliert habe, „vom Munde abgespart hat“. Der Kapitalismus wäre dann immerhin zur Hälfte gerettet.

Es folgten Erwägungen zu der Frage, ob die Verluste womöglich ohnehin nicht so groß seien, weil die Vermögenden besser versteckt und deshalb weniger Enkeltrick-gefährdet lebten. Zudem stand der Einwand im Raum, auch per Enkeltrick erworbenes Geld stärke den Binnenkonsum, wenn es in Deutschland oder zumindest im EU-Binnenmarkt ausgegeben werde. Selbstbestimmtes Erben, sozusagen.

Man einigte sich, die Sache abzuwarten und weiter zu beobachten. Stammgast S., der gerade versehentlich mit dem Management in Kontakt geraten war, nutzte die Gelegenheit, das Abwarten in eine moderne Formulierung zu kleiden: „Wir bleiben auf Watch.“ Stammgast R.: „Quatsch.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion